Kunst, Kultur und Kontroverse

Zeitmaschine: Das erste Darmstädter Gespräch vor 75 Jahren

22.12.2025 von

„Das Darmstädter Gespräch, das heute Abend beginnt und bis zum Montagabend dauern wird, soll über die Bildende Kunst der Gegenwart geführt werden.“ Mit diesen Worten eröffnete der Kunsthistoriker Hans Gerhard Evers, Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt, am 15. Juli 1950 das erste Darmstädter Gespräch und umriss zugleich die thematische Schwerpunktsetzung der mehrtägigen Veranstaltung.

Hans Gerhard Evers

Dem Motto „Das Menschenbild in unserer Zeit“ folgend fanden in Darmstadt mehrere Ausstellungen und öffentliche Diskussionen statt. Ihre Motivation beschrieb Evers wie folgt: „Aus ihrem langen Kulturerbe kommt auch in der Gegenwart, trotz aller Zerstörung, der Wille, teilzunehmen, ja, sogar an vorderer Stelle mitzuwirken in der Gestaltung des geistigen Lebens.“ Hierin artikulierte sich das Bestreben der Teilnehmenden nach einem intellektuellen Austausch, der potenziert durch die Aufbruchstimmung der Nachkriegsjahre eine hohe Resonanz sowohl in Fachkreisen als auch der breiten Bevölkerung nach sich zog. Das Bedürfnis vieler Zeitgenoss:innen nach einer Erneuerung von Werten, entlang derer sich eine im Entstehen begriffene demokratische Gesellschaft nach dem Krieg konstituieren konnte, fand seinen Ausdruck in hitzigen Debatten um Kunst und ihren Weg in die Abstraktion.

Im öffentlichen Charakter der Podiumsdiskussionen, die sich gezielt von akademischen Fachdiskussionen absetzten, aber auch in der Teilnahme prominenter Referenten und Disputant:innen – unter ihnen befanden sich unter anderen Theodor W. Adorno, Willi Baumeister und Gotthard Jedlicka –, begründete sich der große Andrang von Journalist:innen, Künstler:innen und Bürger:innen aus der ganzen Bundesrepublik. Abgesehen von der Ärztin und Malerin Hildegard Stromberger und der Kunsthistorikern Juliane Roh war die vielköpfige Besetzung der Podien allerdings männlich dominiert.

Überdies führten ebenfalls die auf Spannungen und gegensätzliche Sichtweisen angelegten Diskussionen zu mehreren intensiven Wortgefechten, infolge derer etwa der österreichische Kunsthistoriker Hans Sedlmayr vorzeitig das Podium verließ und Zwischenrufe aus dem Publikum den Ablauf unterbrachen. Das erste Darmstädter Gespräch erwies sich somit einerseits als wegweisend für eine Debattenkultur, die erstmals seit der NS-Herrschaft wieder Raum für unterschiedliche Positionen sowie Deutungen gesellschaftlicher Fragestellungen ermöglichte. Andererseits waren etliche Teilnehmende wie Evers – ehemaliges SA-Mitglied und Angehöriger des sogenannten Kunstschutzes der Wehrmacht – selbst belastet.

Den Ausgangspunkt der Gespräche bildete in erster Linie eine zeitgleich stattfindende Kunstausstellung der Neuen Darmstädter Sezession, einer überregionalen Künstlervereinigung, die prägend auf die Kulturpolitik der Stadt einwirkte. Neben dieser waren ebenfalls die Stadt, welche den Großteil der Finanzierung deckte, sowie die Technische Hochschule Darmstadt in die Organisation eingebunden. Letztere fungierte dabei als „Infrastrukturpartner“ und war maßgeblich an der erfolgreichen Umsetzung zehn weiterer Darmstädter Gespräche bis 1975 beteiligt. TH-Angehörige übernahmen dabei häufig die wichtige Rolle der Gesprächsleitung. So moderierten etwa der Soziologe Eugen Kogon oder auch der Archäologe Heiner Knell die anspruchsvollen Debatten.

In den folgenden Jahrzehnten fanden die Gespräche aufgrund rückläufigen Interesses jedoch nur noch zweimal statt: 1995 und zuletzt 2001 unter dem Motto „Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert“. Obwohl diese nicht mehr an den Erfolg der ersten Veranstaltungen anknüpfen konnten, waren sie weiterhin durch fruchtbare Beiträge hochrangiger Wissenschaftler:innen wie Zygmunt Bauman, Chantal Mouffe oder Bruno Latour gekennzeichnet.

Der Autor hat an der TU Darmstadt Geschichte mit Schwerpunkt Moderne studiert und in diesem Rahmen ein Praktikum im Universitätsarchiv absolviert.

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