Triebfedern des Straßenkampfes
01.06.2026
Wie entwickelten sich aus friedlichen Protesten gewaltsame Straßenkämpfe? Welche Rolle spielte dabei die Architektur in Städten? Ein Forschungsprojekt am Institut für Neuere Geschichte untersucht am Beispiel europäischer Großstädte Demonstrationen, Proteste und Ausschreitungen seit den 1970er Jahren.
Soziale Bewegungen werden verstärkt seit den 1970er Jahren aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive untersucht. Historiker:innen machten auf Kontinuitäten solcher Bewegungen aufmerksam, die sich immer wieder auf historische Vorläufer beziehen. In der Forschung wurde lange Zeit eine liberale Protestgeschichte tradiert, die einen modernisierenden und transformierenden Charakter der Bewegungen hervorhob. Dennoch nehmen Protestereignisse nicht ab, finden sich immer wieder Menschen im öffentlichen Raum zusammen, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Vor allem gewaltsame Widerstände prägten das Bild von Protestereignissen und bestimmten die mediale Berichterstattung. Gleichwohl wurden Praktiken und Deutungen politischer Gewalt im Kontext von Protestereignissen in der Geschichtswissenschaft bisher nur wenig untersucht. Dabei kann gerade eine historische Betrachtung Aufschluss darüber geben, dass Gewalt als politische Ausdrucksform nicht voraussetzungslos entsteht. Sie ist eingebettet in den historischen Moment genauso wie in die tradierten Deutungen des Vergangenen.
Themenfokus „Demokratie“
Auch die TU Darmstadt folgt einem Aufruf des Bundespräsidenten, sich anlässlich des diesjährigen „Tages des Grundgesetzes“ am 23. Mai vielfältig öffentlich zu engagieren. Hochschulen wollen bundesweit zeigen, dass Wissenschaft und Demokratie untrennbar verbunden sind. Ein hoch³-Themenfokus stellt eine Auswahl von Demokratie-Forschungsprojekten an der TU Darmstadt vor.
Quellenmaterial zu europäischen Städten
Das Forschungsprojekt untersucht anhand von Fallstudien aus europäischen Städten Gewaltdiskurse, Gewalterinnerungen und konkrete Gewalthandlungen und spürt deren Kontinuitäten und Transformationen seit den 1970er Jahren nach. Genutzt werden schriftliche Quellen etwa von Protagonist:innen, aus Medien sowie Fotoanalysen.
Dabei wird unter „urban violence“ ein eigenes Gewaltphänomen verstanden, das eng mit der Urbanität und dem städtischen Raum verknüpft ist und eigene Formen aufweist. Denn Gewaltpraktiken finden immer in einem Raum statt, der Handlungsmöglichkeiten bietet und einschränkt. Die Akteur:innen, zu denen Demonstrierende, Ordnungs- und Sicherheitskräfte, Zuschauende oder auch städtische Vertreter:innen gehören, interagieren mit dem urbanen Raum. Sie können ihn strategisch nutzen und verändern. Daher geht die Forschung auch solchen Fragen nach: Wie beeinflussten baulich-räumliche Bedingungen in Städten Gewalt, und wie prägte Gewalt wiederum den urbanen Raum?
Protestkultur im (post-)jugoslawischen Kulturraum
Eine europäische Perspektive in der Demokratieforschung entwirft Dr. Danica Trifunjagić vom TU-Institut für Geschichte.
Seit den 1960er Jahren war die Protestkultur im gesamten (post-)jugoslawischen Kulturraum lebendig. Ob im Rahmen globaler Protestwellen wie dem berühmten Jahr 1968, eher lokal begrenzter Proteste, die sich zu sozialen Bewegungen entwickelten, oder ungewöhnlicher, aber bedeutender Protestformen – kulturelle Vorstellungen spielten bei diesen Ereignissen eine entscheidende Rolle.
In einem interdisziplinären Projekt ordnet Danica Trifunjagić bedeutende Protestwellen von den 1960er Jahren bis heute vor dem Hintergrund historischer und soziokultureller Gegebenheiten ein. Der analytische Teil konzentriert sich auf Kulturkonzepte und stützt sich dabei auf Methoden der Kulturwissenschaften, Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft.
Ausgehend davon, dass Protest eine Form der Performance ist, arbeitet die Wissenschaftlerin die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Mobilisierung der Öffentlichkeit, die Formulierung von Forderungen und die Einforderung staatlicher Reaktionen heraus. Ein Schwerpunkt liegt auf den noch nicht gründlich erforschten Antikriegsprotesten der 1990er Jahre in vielen Teilen des (ehemaligen) Jugoslawien.
Die Kulturwissenschaftlerin kann sich auf ihre laufenden Forschungsarbeiten etwa zur Medienberichterstattung über Studentenproteste in Serbien in den Jahren 1996–1997 und 2024–2026 stützen: Die jüngste Protestwelle in Serbien begann mit dem Einsturz der Überdachung des Bahnhofs in Novi Sad am 1. November 2024, der einmal mehr die Spuren von Korruption aufdeckte, die bis in die höchsten Regierungskreise reichten. Was als stille Trauer um die 16 Opfer begann, entwickelte sich zur größten Protestwelle in der serbischen Geschichte, vergleichbar mit den Studentenprotesten gegen das Milosević-Regime in den Jahren 1996–1997.
Die Medien-Analysen laufen auf zwei Narrative hinaus: Während unabhängige Medien die Proteste als Beitrag zur Rechtsstaatlichkeit und zum Aufbau der Demokratie darstellten, stellten regierungsnahe Medien sie als destruktiv und staatsgefährdend dar. Die Recherche zeigte Strategien auf, die in beiden Zeiträumen unverändert blieben, sowie die zunehmende Bedeutung neuer Technologien, insbesondere von Social-Media-Plattformen.