Molekulare Kleber für die gezielte Krebstherapie
29.06.2026
Den mit 12.000 Euro dotierten Kurt-Ruths-Preis erhält in diesem Jahr Dr. Johannes Dreizler. Der Wissenschaftler hat am Fachbereich Chemie der TU Darmstadt promoviert und wurde für die Entwicklung neuartiger Moleküle als Wirkstoffe für die gezielte Krebstherapie ausgezeichnet.
Proteine sind Grundbausteine des menschlichen Körpers und steuern nahezu alle Prozesse in den Zellen. Fehlfunktionen können zahlreiche Krankheiten auslösen. Die gezielte Behandlung fehlerhafter Proteine stellt die Forschung jedoch vor große Herausforderungen, da ihre dreidimensionalen Strukturen im Zellinneren häufig schwer zugänglich sind und viele von ihnen nicht mit herkömmlichen Wirkstoffen angesteuert werden können. Um dennoch in ihre Funktion einzugreifen, sind innovative Ansätze erforderlich. Einen davon entwickelte Dreizler mit neuartigen molekularen „Klebern“ für die gezielte Krebstherapie.
Grundlage seiner Arbeit ist das bislang wenig erforschte Konzept der „chemical induced proximity“, also der „chemisch induzierten Nähe“. Viele krankheitsrelevante Proteine besitzen keine geeignete Andockstelle für klassische Wirkstoffe und gelten deshalb als schwer zugänglich. Molekulare Kleber umgehen dieses Problem: Sie bilden eine Brücke zwischen einem körpereigenen Protein, dem sogenannten Presenter-Protein, und dem krankheitsverursachenden Protein, dem sogenannten Zielprotein, und verbinden beide Moleküle miteinander wie ein Klebstoff. Durch die so erzwungene räumliche Nähe wird das Zielprotein blockiert und dessen pathologischer Effekt unterdrückt.
Hochpotente Wirkstoffe entwickeln
Im Rahmen seiner Promotion entwickelte Dreizler zahlreiche molekulare Kleber als Wirkstoffe für verschiedene Tumorproteine. Der Erfolg des Ansatzes hing dabei von einem präzisen Moleküldesign ab: Jeder Kleber musste genau auf sein jeweiliges Zielprotein zugeschnitten sein, um dessen Funktion zu unterbinden. So gelang es Dreizler, die bislang wenig erforschte Methode für konkrete Anwendungen in der Krebsforschung nutzbar zu machen.
Die Ergebnisse seiner Promotion fanden zudem Eingang in weitere Forschungs- und Transferaktivitäten: Dreizlers Forschung floss unter anderem in den vom Bundesforschungsministerium geförderten Zukunftscluster PROXIDRUGS ein, einem Innovationsnetzwerk zur Entwicklung neuartiger Wirkstoffe, die krankheitsrelevante Proteine gezielt abbauen. Darüber hinaus bildete sie eine Grundlage für das Ausgründungsprojekt MoProX, das den Ansatz molekularer Kleber weiterentwickeln will.
„Mit seiner Doktorarbeit hat Johannes Dreizler das Forschungsfeld der kompetitiven molekularen Kleber entscheidend vorangebracht, das enorme Potenzial dieser Technologie gezeigt und hochpotente Wirkstoffe entwickelt“, sagt Professor Felix Hausch, Leiter des Fachgebiets Strukturbasierte Wirkstoffforschung, der die Dissertation betreute. Die leistungsfähigsten Substanzen würden derzeit in diversen zellulären Krebsmodellen getestet und für eine präklinische Testung in Tiermodellen vorbereitet. Zudem sei die Arbeit der strategische Durchbruch für die Entwicklung weiterer Wirkstoff-Kandidaten.
Der Preisträger
Dr. Johannes Dreizler studierte Chemie an der Universität Heidelberg und der Lund University (Schweden). Nach seinem Masterabschluss wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Darmstadt am Fachbereich Chemie in der Arbeitsgruppe Strukturbasierte Wirkstoffforschung von Professor Felix Hausch. Dreizlers Forschung wurde dabei durch das Merck-Promotionsstipendium gefördert. Seine Dissertation mit dem Titel „Design and Development of Macrocyclic Cyclophilin Inhibitors and FKBP12-based Molecular Glues“ schloss er mit dem Prädikat „mit Auszeichnung bestanden“ ab. Im selben Jahr nahm er an der 74. Lindauer Nobelpreisträgertagung Chemie teil. Im Anschluss an die Promotion wechselte Dreizler als Wissenschaftler in die Industrie. Aus seinen Forschungsergebnissen gingen zahlreiche Publikationen hervor. Weitere Arbeiten sind derzeit noch unveröffentlicht und sollen nach Abschluss laufender Patentverfahren publiziert werden.
Kurt-Ruths-Preis
Der seit 1989 jährlich verliehene Kurt-Ruths-Preis ist mit 12.000 Euro dotiert. Er würdigt herausragende wissenschaftliche Leistungen aus den Fachbereichen Architektur, Bau- und Umweltingenieurwissenschaften sowie Chemie und wird an Early-Career-Forschende der TU Darmstadt verliehen, die sich durch herausragende Dissertationen ausgezeichnet haben. Der Preis geht zurück auf Kurt Ruths, den langjährigen Sprecher der Geschäftsführung der Braas-Gruppe.
cst