Eine Tarnkappe für das Chip-Design
30.06.2026
Für sein Projekt „MIRAGE“ wird TU-Informatik-Professor Ahmad-Reza Sadeghi künftig vom Europäischen Forschungsrat ERC mit einem „Proof of Concept“-Grant über 150.000 Euro gefördert. Das Projekt zielt darauf, bei der Entwicklung von Computerchips wertvollen Code schon auf der Ebene des Design-Austauschs zu schützen – ein Vorhaben, das bereits das Interesse der Industrie geweckt hat.
Moderne Computerchips werden heute nicht mehr von einem einzigen Hersteller entworfen. Stattdessen bestehen sie aus vielen sogenannten IP-Blöcken – fertigen Schaltungsbausteinen, die verschiedene Firmen entwickeln und austauschen. Das beschleunigt die Entwicklung, macht die wertvollen Designs aber auch angreifbar: Sie können per Reverse Engineering, dem Nachbauen einer Technik durch genaues Untersuchen, kopiert oder unerlaubt weiterverwendet werden. Diese Gefahr wächst rasant, weil mittlerweile auch Künstliche Intelligenz die Funktionsweise eines Hardware-Designs erkennen kann. Schutzmaßnahmen wie digitale Wasserzeichen im Code oder strenge Zugriffsregeln reichen kaum noch aus, um solche Zugriffe zu verhindern.
Das ERC-Projekt MIRAGE wird an dieser Schwachstelle ansetzen: dem Austausch von RTL-Code (register transfer level, einer Beschreibungssprache für Chip-Schaltungen) zwischen Unternehmen, noch bevor ein Chip gefertigt wird. MIRAGE zielt darauf, automatisch alternative Varianten des für die Weitergabe vorgesehenen RTL-Codes zu erzeugen. Die Varianten sind funktional identisch zum Original, beschreiben also einen Baustein mit exakt gleichen Eigenschaften, wie zum Beispiel Geschwindigkeit oder Energieverbrauch, sind aber für KI-Systeme deutlich schwerer wiederzuerkennen oder zu stehlen. Ein Lizenznehmer soll den Code uneingeschränkt nutzen können, während die automatisierte Extraktion des zugrundeliegenden Geschäftsgeheimnisses – insbesondere der spezifischen Designidee – durch moderne KI-Verfahren extrem erschwert wird und idealerweise mit vertretbarem Aufwand praktisch nicht mehr durchführbar ist.
Selbstlernende Algorithmen sichern Funktion und Schutz
Die Forschenden setzen im Rahmen von MIRAGE auf selbstlernende Algorithmen, um Code-Varianten zu erzeugen, und garantieren mit Vergleichssimulationen die korrekte Funktion. Zudem wird getestet, ob moderne KI-Modelle, die Programmcode verstehen, wirklich an der Erkennung der von MIRAGE erzeugten Code-Varianten scheitern.
Zielgruppen sind vor allem Hersteller von Chip-Bausteinen, Designhäuser und Open-Hardware-Konsortien, die RTL-Code in der Entwicklungsphase teilen oder lizenzieren. Der Bedarf in der Industrie ist groß. Unternehmen wie Intel, KOBIL, und Synopsys haben bereits ihr Interesse an MIRAGE signalisiert und Unterstützung zugesagt.
„Letztlich soll das Projekt Innovation und Wettbewerbsfähigkeit der Halbleiterbranche schützen – offene Zusammenarbeit dort ermöglichen, wo sie sinnvoll ist, und Schutz dort bieten, wo er für kritische Industrien und Alltagstechnologien notwendig ist“, sagt Ahmad-Reza Sadeghi, Professor für Systemsicherheit an der TU Darmstadt, der MIRAGE leitet.
MIRAGE ist angesiedelt am Fachbereich Informatik (Forschungsfeld Information and Intelligence (I+I)). Es baut als Proof-of-Concept-Projekt auf dem Projekt HYDRANOS auf, für das Sadeghi 2022 mit einem ERC Advanced Grant ausgezeichnet wurde. HYDRANOS nutzt nachträglich anpassbare Komponenten im Chip, um Hardware besser gegen Angriffe über Software-Schwachstellen wappnen. MIRAGE erhöht die Sicherheit der Chipentwicklung, indem bereits beim Austausch von Bauplänen das zugrunde liegende geistige Eigentum wirksam geschützt wird.
Zur Person
Ahmad-Reza Sadeghi ist Professor für Informatik an der TU Darmstadt und Leiter des System Security Lab. Seit 2012 hat er eine langfristige Kooperation mit Intel aufgebaut. Daraus sind bereits mehrere Sonderforschungsbereiche zu verschiedenen Themen wie Secure Computing in Mobile and Embedded Systems, Autonomous and Resilient Systems und Private AI entstanden. Sadeghi wurde mehrfach für seine Forschung auf dem Gebiet der Informations- und Computersicherheit und insbesondere der hardwaregestützten Sicherheit ausgezeichnet: Karl Heinz Beckurts-Preis (2008), ACM SIGSAC Award (2018) und Intel Academic Leadership Award (2021), DAC Service Award (2024), und Synopsys Academic Leadership Award (2025). 2022 wurde er mit einem ERC Advanced Grant für das Projekt HYDRANOS ausgezeichnet. Er promovierte in Informatik mit dem Schwerpunkt Kryptographie an der Universität des Saarlandes. Vor seiner akademischen Laufbahn arbeitete er mehrere Jahre in der Forschung und Entwicklung der Telekommunikationsbranche, unter anderem bei Ericsson.
„Proof of Concept“-Grant
Ein „Proof of Concept“-Grant ist eine Förderung, die die Forschungsgrants des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) ergänzt. Er richtet sich ausschließlich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits einen ERC-Grant innehaben und ein Forschungsergebnis aus ihrem laufenden oder abgeschlossenen Projekt vorkommerziell verwerten möchten. Dies ist der erste Schritt zum Technologie-Transfer. Ziel eines Proof-of-Concept-Projektes soll es sein, das Marktpotential einer solchen Idee zu überprüfen. Der ERC finanziert hiermit also keine Forschungsaktivitäten, sondern Maßnahmen zur Weiterentwicklung im Hinblick auf die Anwendungsreife, Kommerzialisierung oder Vermarktung der Idee.
sip