Cybersicherheit für Systeme auf der Erde und im Orbit
31.07.2026
Professor Gene Tsudik beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit einigen der grundlegendsten Fragen der Cybersicherheit und behält dabei stets die Systeme in der Praxis im Blick. In diesem Jahr würdigte die Alexander-von-Humboldt-Stiftung seine bisherige wissenschaftliche Leistung mit einem Humboldt-Forschungspreis.
Im Rahmen des Preises ist Professor Tsudik zwischen März und Dezember 2026 für eine Reihe von Aufenthalten an der TU Darmstadt, um gemeinsam mit Informatikprofessor Ahmad-Reza Sadeghi zu forschen. Im Interview spricht Gene Tsudik über Forschungsfragen, die ihn auch nach Jahren noch beschäftigen, und warum die Absicherung von Satellitenkommunikation so eine komplexe Herausforderung ist.
TU Darmstadt: Wenn Sie Laien Ihre Forschung erklären müssten, worum geht es dabei?
Professor Gene Tsudik: Meine Forschung befasst sich im Allgemeinen mit den Themen Sicherheit und Datenschutz. Derzeit interessiere ich mich insbesondere für drei Bereiche: (1) Methoden zur Absicherung des zunehmend verbreiteten IoT-Ökosystems, (2) Techniken, die Verbraucher:innen einen wirksamen Schutz ihrer Privatsphäre ermöglichen, sowie (3) Kosten-Nutzen-Analysen und die Benutzerfreundlichkeit von Sicherheits- und Datenschutzmechanismen.
Der Humboldt-Forschungspreis würdigt herausragende Lebensleistungen von Forschenden. Welche Fragen beschäftigen Sie auch heute noch? Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?
Es gibt einige Forschungsfragen, über die ich seit vielen Jahren vergeblich nachdenke (die nichts mit meiner Humboldt-bezogenen Forschung zu tun haben), zum Beispiel:
- Wie kann man Computer nachweisbar vergessen lassen? Wir wissen, wie man Wissen nachweisen kann, aber nicht dessen Fehlen.
- Wie lässt sich die langfristige Gültigkeit digitaler Signaturen gewährleisten? Und in diesem Zusammenhang: Wie lässt sich die Vertraulichkeit von Daten über einen langen Zeitraum sicherstellen? Wir verwenden sowohl für Signaturen als auch für die Verschlüsselung kryptografische Verfahren, die *heute* sicher sind. Es ist jedoch nahezu sicher, dass sie in einigen Jahren nicht mehr sicher sein werden. Dies würde Fälschungen und die Offenlegung sensibler Informationen ermöglichen, die in diesem Zeitraum womöglich nichts an ihrem Vertraulichkeitsbedarf verloren haben.
Der Preis ist eine große Auszeichnung; ich bin sowohl tief beeindruckt als auch dankbar für die damit verbundene Flexibilität und Großzügigkeit. Sie ermöglicht es mir, Forschungsfragen im Bereich der Sicherheit und des Schutzes der Privatsphäre langfristig zu betrachten, ohne mich unter Zeitdruck setzen zu müssen oder „mit der Masse mitzulaufen“, um aktuell populären oder trendigen Themen nachzugehen.
Die Auszeichnung ist auch eine Einladung zur Zusammenarbeit. Was macht diese Kooperation zwischen der TU Darmstadt und der University of California, Irvine besonders vielversprechend?
Wir haben bereits zusammengearbeitet und das aktuelle Forschungsthema zur Sicherheit von Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn (LEO) ist sowohl neu als auch spannend. Bislang gibt es bei weitem nicht genügend Forschungsarbeiten zu diesem wichtigen Thema.
Ihr Gastgeber an der TU Darmstadt ist Ahmad-Reza Sadeghi. Was hat Sie dazu bewogen, zusammenzuarbeiten?
Wir kennen uns seit Anfang der 2000er Jahre. Unsere Zusammenarbeit begann jedoch erst um 2014, als ein gemeinsamer Bekannter uns zu einem Thema, das uns beide beschäftigte, in Kontakt brachte: Softwaresicherheit für Drohnenschwärme. Wie sich herausstellte, verfügten wir (und weitere Kooperationspartner) über sich ergänzendes Fachwissen, und die Zusammenarbeit verlief sehr gut. Darauf folgten mehrere weitere erfolgreiche Ergebnisse zu verwandten Themen.
Sie arbeiten gemeinsam an der Sicherheit von IoT-, eingebetteten Systemen und Satellitenkommunikation. Warum ist die Absicherung dieser Systeme eine besondere Herausforderung?
Im Allgemeinen sind spezialisierte Computergeräte (eingebettete Systeme, cyberphysische Systeme und IoT-Geräte) schwieriger zu sichern als Allzweck-Computergeräte wie Smartphones, Tablets, Laptops, Desktop-PCs und Server. Letztere verfügen über einen großen Funktionsumfang, darunter hochentwickelte und leistungsstarke Hardware, Betriebssysteme sowie eine Vielzahl unterschiedlicher Anwendungen. Ihre Hardware und Betriebssysteme verfügen über eine Reihe komplexer und fortschrittlicher Sicherheitsfunktionen, die diese Geräte vor einem breiten Spektrum an Angriffen schützen.
Im Gegensatz dazu sind spezialisierte Geräte ressourcenbeschränkt, was hauptsächlich auf unterschiedliche Einschränkungen seitens der Hersteller zurückzuführen ist (z. B. Kosten, Größe, Stromverbrauch und Lebensdauer). Daher verfügen sie nicht über fortschrittliche Sicherheitsfunktionen und können sich nicht selbst vor verschiedenen Angriffen schützen.
Steckbrief Professor Gene Tsudik
Alter: 62
Forschungsschwerpunkte: Professor Tsudik ist international anerkannt für seine herausragende Forschung in den Bereichen Cybersicherheit, Datenschutz und angewandte Kryptografie. Durch die Verbindung strenger theoretischer Grundlagen mit praktischen Ansätzen auf Systemebene hat er wegweisende Beiträge zur Informationssicherheit geleistet. Während seines Aufenthalts in Deutschland möchte Professor Tsudik die Zusammenarbeit bei der Erforschung grundlegender und neu auftretender Sicherheitsherausforderungen weiter vorantreiben.
Name der Universität/des Forschungsinstituts: University of California, Irvine
Forschungsaufenthalt an der TU Darmstadt: März 2026 – Dezember 2026
Programm: Humboldt-Forschungspreis (1.000-Köpfe-Plus-Programm)
Fragen an den Gastgeber
Gastgeber: Professor Ahmad-Reza Sadeghi
Fachbereich: Fachbereich Informatik
Was schätzen Sie bzw. was beeindruckt Sie an Ihrem Gast am meisten?
Gene Tsudik ist einer der Pioniere im Bereich der System- und Netzwerksicherheit. Was ich am meisten schätze, ist seine einzigartige Fähigkeit, tiefgreifende wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem ausgeprägten Gespür für praktische, hochrelevante Probleme zu verbinden. Abgesehen von seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen ist Gene ein außerordentlich angenehmer und inspirierender Mensch, mit dem man gerne zusammenarbeitet. Er hat ein breites Spektrum an Interessen, das weit über die Sicherheits- und Datenschutzforschung hinausgeht, was jede Diskussion intellektuell anregend und unterhaltsam macht. Seine Neugier, seine Offenheit und sein Sinn für Humor machen die Zusammenarbeit sowohl produktiv als auch zu einem echten Vergnügen.
Was macht die Technische Universität Darmstadt zu einem starken Umfeld für diese Art der Zusammenarbeit?
Die TU Darmstadt bietet einen erstklassigen Forschungsstandort für Cybersicherheit, der Fachwissen in den Bereichen Systemsicherheit, Hardwaresicherheit, KI, Kryptografie und Datenschutz vereint. Die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, gepaart mit einer exzellenten Forschungsinfrastruktur und starken Partnerschaften mit der Industrie, schafft ein ideales Umfeld für ambitionierte internationale Kooperationen.
Wie profitieren Sie, Ihr Team und die TU Darmstadt von diesem Gastaufenthalt?
Der Aufenthalt von Prof. Tsudik stärkt unsere langfristige Zusammenarbeit, beschleunigt die gemeinsame Forschung zu zukünftigen Herausforderungen der Cybersicherheit und bietet unseren Studierenden und Nachwuchsforschenden unschätzbare Möglichkeiten, mit einem der weltweit führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet zusammenzuarbeiten. Sein Besuch regt zudem neue Forschungsideen an, erweitert unser internationales Netzwerk und stärkt die internationale Sichtbarkeit sowie die Forschungsqualität der TU Darmstadt weiter.
Humboldt-Forschungspreise 2026
Mit dem Humboldt-Forschungspreis, der mit 80.000 Euro dotiert ist, würdigt die Alexander von Humboldt-Stiftung international führende Forschende aller Fachrichtungen für ihr bisheriges wissenschaftliches Gesamtschaffen. Die Preisträger:innen sind eingeladen, selbst gewählte Forschungsvorhaben gemeinsam mit Fachkolleg:innen an einer wissenschaftlichen Einrichtung in Deutschland durchzuführen und dadurch internationale Kooperationen zu stärken. Möglich ist ein Aufenthalt von insgesamt einem halben bis zu einem ganzen Jahr, der auch zeitlich aufgeteilt werden kann. Der Preis ist Teil der Initiative 1000-Köpfe-plus des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
Die Fragen stellte Daniela Fleckenstein.