Blick zurück: der erste jüdische TH-Absolvent nach 1945

12.03.2019

Blick zurück: der erste jüdische TH-Absolvent nach 1945

Josef Fränkel absolvierte von 1946 bis 1950 ein Maschinenbaustudium an der TH

1946 nahm Josef Fränkel, der bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war, ein Maschinenbaustudium an der TH Darmstadt auf, das er 1950 abschloss. Er ist damit der erste jüdische TH-Absolvent nach dem Zweiten Weltkrieg.

Historisches Bild des Alten Hauptgebäudes mit Bombenlücke. Bild: Universitätsarchiv TU Darmstadt – © Universitätsarchiv TU Darmstadt
Historisches Bild des Alten Hauptgebäudes mit Bombenlücke. Bild: Universitätsarchiv TU Darmstadt

Am 8. Mai 1945 endete nicht nur der Zweite Weltkrieg, sondern auch die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. In Darmstadt wurden während der Diktatur der Nationalsozialisten viele hundert Juden vertrieben oder in Konzentrationslager deportiert, wo circa 600 von ihnen starben. Josef Fränkel, geboren 1920 im polnischen Alwernia, wurde nach seiner Immatrikulierung am Polytechnikum in Brünn 1942 von der Gestapo verhaftet und war bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert. Er überlebte den Holocaust.

1946 nahm der 26-jährige Fränkel ein Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Wärmekraftmaschinen an der TH Darmstadt auf, das er bereits 1950 mit der Diplomprüfung im Fachgebiet Getriebe mit einer Arbeit über den Bau und Betrieb industrieller Anlagen abschließen konnte. Somit war er der erste jüdische Student, der nach 1945 an der TH Darmstadt einen Abschluss erhielt.

Bereits während seiner Studienzeit engagierte sich Fränkel als Mitglied der 1947 gegründeten jüdischen Studentenvereinigung gemeinsam mit seiner Frau Johanna, die er im KZ Groß-Rosen kennengelernt hatte. Nach Beendigung seines Studiums arbeitete er als Maschinenbauingenieur in Langen. Fränkel bemühte sich um den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde Darmstadt, deren Vorsitz er Anfang der 1950er-Jahre übernahm. Zu dieser Zeit lebten lediglich 200 Menschen jüdischen Glaubens in Darmstadt. Die wenigen Überlebenden des Nazi-Regimes konnten sich ein Leben in Deutschland, „auf verbrannter Erde“, nicht mehr vorstellen. Sie wollten nach Israel auswandern oder sich um eine Aufnahme in Nordamerika oder Australien bewerben.

Engagement für die jüdische Gemeinde

Josef Fränkel. Bild: Universitätsarchiv TU Darmstadt – © Universitätsarchiv TU Darmstadt
Josef Fränkel. Bild: Universitätsarchiv TU Darmstadt

So bemühte sich auch Fränkel mehrmals um eine Aufnahme in Amerika, welche ihm jedoch aufgrund einer schweren Lungenerkrankung, die er sich während der Inhaftierung in verschiedenen KZs zugezogen hatte, verwehrt wurde. Durch seinen Verbleib und sein Engagement konnte das jüdische Leben in Darmstadt erneut Fuß fassen. Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde blieb allerdings bis in die 1990er-Jahre konstant niedrig.

Um die Isolation des jüdischen Lebens in der Nachkriegszeit zu überwinden, gründete Fränkel etwa gemeinsam mit anderen 1954 die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Darmstadt. Sein Interesse galt der Überwindung kultureller und religiöser Unterschiede, die nach 1945 durch die Propaganda der Nationalsozialisten noch immer in vielen Köpfen stark verankert waren.

Darüber hinaus unterstützte er sogenannte „Displaced Persons“ bei ihrer Integration in die Nachkriegsgesellschaft. Die jüdische Gemeinde, die in der Osannstraße 11 einen Betraum besaß und unregelmäßig Gottesdienste abhielt, bekam durch das Engagement Fränkels und einer Bürgerinitiative, aber auch des Oberbürgermeisters Günther Metzger eine neue Synagoge, die 1988 feierlich eingeweiht wurde. Aufgrund des Zusammenbruchs der ehemaligen Staaten der UdSSR wuchs die Gemeinde, da sich viele osteuropäische Juden in und um Darmstadt ansiedelten. Heute zählt die Gemeinde über 600 Mitglieder und ist ein fester Bestandteil der Darmstädter Kultur und des öffentlichen Lebens. Fränkel starb 1994 und ist auf dem Jüdischen Friedhof in Bessungen begraben.

Ausstellung: Lebenspfade/Ścieżki życia. Polnische Spuren in RheinMain

Menschen aus Polen haben die Vergangenheit Deutschlands in erheblichem Maße geprägt, und sie prägen Deutschlands Gegenwart auch heute. Die zweitgrößte Zuwanderergruppe im Lande ist allerdings auch eine der unbekanntesten. Die Ausstellung „Lebenspfade/Ścieżki życia“ spürt Biografien von Menschen nach, die ihren Weg aus Polen in das Rhein-Main-Gebiet gefunden haben.

Vom Offenbacher „Polenfürst“ Jakub Frank über den Eintracht-Fußballer Cezary Tobolik bis zur großherzoglichen Geliebten Alexandrine von Hutten-Czapska reicht der Bogen, von erfolgreichen Künstlerinnen bis hin zu Studierenden an der TU Darmstadt – wie Josef Fränkel.

Ausgewählte Exponate ergänzen die Schau, die am 14. März 2019 im Darmstädter Haus der Geschichte eröffnet wird und Antworten auf die Frage ermöglicht, ob der „unsichtbare“ Weg der Integration von Polinnen und Polen vielleicht ein besonders erfolgreicher ist.

Verantwortlich sind das Deutsche Polen-Institut, das Hessische Staatsarchiv, das TU-Archiv, das Stadtarchiv, das Wirtschaftsarchiv, die Schader-Stiftung und die Landeszentrale für politische Bildung.

Ausstellung Darmstädter Haus der Geschichte, Karolinenplatz 3, 14. März bis 5. Mai 2019

zur Liste