Patente lernen sprechen
Partnerschaftliches Lehrprojekt der TU Darmstadt und der Hochschule RheinMain
12.02.2026 von Heike Jüngst
Wie wird aus exzellenter Forschung ein tragfähiges Geschäftsmodell? Eine ungewöhnliche hochschulübergreifende Zusammenarbeit zwischen der TU Darmstadt und der Hochschule RheinMain bringt Studierende, Forschende und Patente an einen Tisch. In einem neu entwickelten Lehrformat arbeiten Business Management-Masterstudierende an realen Deep Tech-Erfindungen. Der Anspruch ist hoch, der Weg komplex und gerade deshalb lehrreich. Ein Bericht über Übersetzungsarbeit zwischen Labor und Markt.
Der ehemalige Senatssaal der TU Darmstadt ist kein Ort für Improvisationen. Kahle Wände, Fenster an drei Seiten, viel Neonlicht. Anna Marie Brehm sitzt mit ihrem Team in der zweiten Reihe an der Wand, die Hände ineinander verschränkt. Neben ihr Ferhat Caner. Drei, vielleicht vier Stunden Schlaf. „Die Düse ging schon“, sagt Ferhat später und lacht, als sei das Zittern inzwischen irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung verschwunden. „Aber wir haben es gerockt.“
Es ist Pitch-Day. Sieben Marketing-Teams präsentieren Geschäftsmodelle zu realen Forschungsprojekten. Für Anna Marie Brehm und Ferhat Caner ist es der erste Pitch ihres Lebens. Und das Thema ist kein vertrautes: gedruckte, vaskularisierte Organ-on-Chip-Systeme für die Pharmaforschung. Grundlagenforschung, weit weg vom klassischen Fallbeispiel aus dem Marketing-Lehrbuch.
„Uns wurde gesagt: Die TU liefert die Technologie und wir sollen daraus ein Business Model entwickeln, mit dem man wirklich ein Startup gründen könnte“, sagt Brehm. Kein fiktiver Markt, keine frei erfundenen Zahlen. Sondern reale Forschung, reale Unsicherheiten, reale Grenzen. „Am Anfang war das ehrlich gesagt extrem schwer“, ergänzt Caner. „Das Paper war voller Fachbegriffe. Wir mussten uns da erst einmal reinfinden.“
Wenn Zusammenarbeit mehr ist als ein Wort
Die beiden sind zwei von 32 Masterstudierenden des Fachbereichs „Wiesbaden Business School“ (WBS), die an dem neuen Seminar teilnehmen. Vier bis sechs von ihnen bilden ein Team. Sie treffen Annahmen, rechnen Kosten durch, stellen Fragen, verwerfen Ideen. Immer wieder. „Wir wollten keinen Fantasie-Case bauen“, sagt Brehm. „Sondern etwas, das realistisch ist.“
Dass sie dabei regelmäßig mit Forschenden der TU Darmstadt sprechen, macht den Unterschied. „Die haben die technische Perspektive, wir die betriebswirtschaftliche“, sagt Caner. „Das ist keine Hürde, sondern ein Vorteil.“ Und doch merkt man schnell: Die Denkweisen sind verschieden. „Ingenieure drücken sich einfach anders aus“, sagt Brehm. „Aber genau daraus entsteht am Ende mehr, als wenn alle gleich denken.“
Die Lücke zwischen Erfindung und Anwendung
Deutschland fehlt es nicht an Ideen. Was oft fehlt, ist der Weg aus dem Labor in den Markt. An der TU Darmstadt entstehen jedes Jahr zwischen 40 und 45 Erfindungsmeldungen. Ende 2025 hielt die Universität 536 Patente und Patentanmeldungen. Viele davon bleiben zunächst dort, wo sie entstehen: in der Forschung. Nicht, weil es an Qualität mangelt. Sondern weil die Übersetzung in unternehmerische Modelle Zeit, Ressourcen und Kompetenzen erfordert, die im universitären Alltag kaum vorgesehen sind. Forschende arbeiten an wissenschaftlicher Exzellenz, nicht an Go-to-Market-Strategien.
Das Innovations- und Gründungszentrum HIGHEST der TU Darmstadt möchte die Lücke zwischen Erfindung und Anwendung überbrücken. Es identifiziert Transferpotenziale, begleitet Ausgründungen und bringt Forschende mit externen Partnern zusammen. In der Zusammenarbeit mit der Hochschule RheinMain geht HIGHEST nun einen Schritt weiter: Die betriebswirtschaftliche Perspektive wird nicht erst nach der Forschung ergänzt, sondern frühzeitig integriert – als Teil der Lehre.
„Das herausforderndste Lehrprojekt, das ich je hatte“
Doch Strukturen allein schließen keine Lücke. Es braucht Menschen, die bereit sind, zwischen Welten zu vermitteln und ein Lehrformat zu entwickeln, das diese Übersetzungsarbeit systematisch einübt. Auf Seiten der Hochschule RheinMain ist das vor allem einer: Professor Dennis Albert, Professor für Marketing Management.
Für Albert war das partnerschaftliche Format kein kurzfristiges Projekt, sondern das Ergebnis jahrelanger Gespräche. „Es war eigentlich immer so ein gegenseitiges Abklopfen zwischen HIGHEST und mir“, sagt er. Begegnungen auf Veranstaltungen, lose Ideen, keine klare Form. „Dann haben wir irgendwann gemerkt: Die TU hat unglaublich viel IP (Red. Anmerkung: Intellectual Property, geistiges Eigentum) – und wir an der WBS brauchen echte Fälle für unsere Lehre. Das war ein super Fit.“
Albert spricht auch offen über zwischenzeitliche Zweifel. „Es war das herausforderndste Seminar, das ich bisher gemacht habe“, sagt er. Nicht nur, weil Deep Tech weit außerhalb seiner eigenen Gründungserfahrungen liegt. Sondern auch, weil das Format den Studierenden viel abverlangt, fachlich wie mental.
Die Zumutung Deep Tech
Albert kommt aus der klassischen Start-up-Welt, aus Kundenbedürfnissen, schnellen Iterationen, kurzen Entscheidungszyklen. Grundlagenforschung funktioniert anders. Sie ist teuer, langsam, widerspenstig. „Ich musste mich selbst komplett neu reinschaffen“, sagt er. Und ebenso seine Studierenden überzeugen, warum sie sich auf Technologien einlassen sollten, die noch keinen Markt haben und vielleicht jahrelang keinen haben werden. „Wenn wir über echte gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung sprechen, dann geht das nur über Deep Tech“, sagt Albert. „Nicht über das nächste digitale Produkt, das ein bestehendes Bedürfnis ein bisschen bequemer macht.“ Ihm sei wichtig gewesen, seinen Studierenden diese andere Logik zu zeigen: dass wirkliche Veränderungen oft aus Grundlagenforschung entstehen und nicht aus Marktforschung.
Dass das Seminar trotz anfänglicher Skepsis funktionierte, führt Albert auch auf die enge Abstimmung mit der TU Darmstadt zurück. „Wir haben uns bewusst entschieden, alles neu zu entwickeln – ein eigenes Curriculum, eigene Templates, eigene Finanzmodelle.“ Jede Sitzung sei auf die konkreten Technologien zugeschnitten gewesen. „Das war keine BWL-Schablone, die man einfach drüberlegt“, sagt Albert. „Und ehrlich gesagt: Auch ich hatte jede Woche Hausaufgaben.“
Es gab schwierige Phasen. Teams, die feststeckten. Zweifel, ob sich aus hochkomplexer Forschung überhaupt ein tragfähiger Case bauen lässt. „Ich habe Gruppen zur Seite genommen, Sorgen sortiert, wieder Mut gemacht“, sagt Albert. „Und dann haben sich alle wieder reingekniet.“ Am Ende standen Pitches, die selbst die Forschenden überraschten. „Die zehn Minuten auf der Bühne zeigen nicht, wie viel Arbeit wirklich dahintersteckt.“
Vier Study Cases, vier Denkweisen
Im Zentrum des Seminars standen vier Deep Tech-Cases aus zwei Fachgebieten der TU Darmstadt. Zwei stammen von Professor Andreas Blaeser (Fachgebiet BioMedizinische Drucktechnologie, Fachbereich Maschinenbau): Gedruckte, vaskularisierte Organ-on-Chip-Systeme für präklinische Tests und Bioprinting-Technologien für nachhaltige Fleischalternativen. Die Studierenden müssen hier lernen, mit regulatorischen Hürden, langen Validierungszyklen und konservativen Industrien umzugehen.
Die beiden anderen Cases kommen von Professor Mario Kupnik (Fachgebiet Mess- und Sensortechnik, Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnologie etit): 3D-gedruckte luftgekoppelte Ultraschallwandler sowie flexible Ferroelectret-Kraftsensoren für Robotik und Wearables. Hier geht es um Nischenmärkte, Individualisierung, Skalierung und die Frage, wo technologische Vorteile tatsächlich bezahlt werden.
Blaeser begleitete als Sparringspartner diejenigen Teams, die seine beiden patentierten Innovationen in Business-Cases umsetzten. „Für mich ist spannend zu sehen, wie Studierende ohne technische Scheuklappen auf unsere Forschung schauen“, sagt er. „Sie stellen andere Fragen und genau das braucht Transfer.“ Und er ergänzt: „Nicht jede gute Idee wird ein Start-up. Aber jede gute Idee profitiert davon, einmal konsequent zu Ende gedacht zu werden.“
Dieser Anspruch blieb nicht abstrakt. Er wurde überprüfbar an einem Nachmittag, an dem aus Analyse Entscheidung werden musste.
Der Pitch-Day, das große Finale
Mitte Januar 2026 präsentierten die sieben Teams ihre Ergebnisse im Darmstädter TU-Senatssaal. Rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörer. Zehn Minuten pro Team. Geschäftsmodell, Markt, Finanzierung. „Ich war überrascht, wie klar das alles war“, sagt eine Zuhörerin aus dem Forschungsteam. Kein Marketing-Sprech, keine Übertreibungen. Sondern strukturierte Vorschläge, samt 170 Backup-Folien im Hintergrund. „Durchweg großartige Präsentationen“, ergänzt Michael Gaenssler: „Nach diesem Ereignis mache ich mir keine Sorgen mehr um Deutschlands Zukunft. Wir verfügen über unglaubliche Technologie und talentierte junge Menschen, die diese Ideen vermarkten und in kommerzialisierte Innovationen umwandeln können“, so der Business-Coach – nachdem er die Studierenden nach ihren Präsentationen erstmal „gegrillt“ hatte.
Für Anna Marie Brehm und Ferhat Caner endet mit dem Pitch-Day nicht nur ein Seminar, sondern ein Perspektivwechsel. Beide stehen kurz vor der Masterarbeit und blicken jetzt anders auf Forschung, Unternehmertum und die Frage, wie beides zusammenfinden kann. „Man versteht plötzlich, wie viel Arbeit zwischen einer Idee im Labor und etwas Marktreifem liegt“, sagt Brehm.
Zwei Perspektiven, ein gemeinsamer Blick nach vorn
Der Gedanke an eine eigene Gründung ist für Anna Marie Brehm seit dem Seminar präsenter ist als zuvor. „Definitiv kann ich mir das vorstellen“, sagt sie. „Aber nur, wenn man wirklich hinter der Idee steht und bereit ist, sich tief einzuarbeiten.“ Gerade die Nähe zur Forschung habe ihr gezeigt, wo persönliche Grenzen liegen – und wo neue Möglichkeiten entstehen.
Der Unterschied zwischen Wiesbaden und Darmstadt? „Wiesbaden ist näher an der Anwendung, Darmstadt tiefer in der Forschung“, sagt Ferhat Caner. „Beides für sich ist stark – zusammen wird es erst richtig spannend.“ Brehm ergänzt: „Man kommt aus unterschiedlichen Denkweisen, aber genau daraus entsteht etwas Tragfähiges.“
Vielleicht ist genau das die stille Stärke dieses Formats: Nicht jede Teilnehmerin und nicht jeder Teilnehmer wird gründen. Aber alle haben gelernt, wie Übersetzungsarbeit funktioniert – zwischen Labor und Markt, zwischen Technik und Business. Und dass hochschulübergreifende Zusammenarbeit nicht bedeutet, Unterschiede einzuebnen, sondern sie produktiv zu machen.