Sprache, die verletzt

17.01.2012

Sprache, die verletzt

Unwort des Jahres 2011 ist „Döner-Morde“

Seit 1991 wählt die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ jährlich einen Begriff aus, der in der öffentlichen Kommunikation besonders stark gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen hat. Nina Janich, TU-Professorin für germanistische Sprachwissenschaft und neue Sprecherin der Aktion, gab am 17. Januar 2012 an der TU Darmstadt „Döner-Morde“ als das aktuelle Unwort des Jahres bekannt.

Prof. Nina Janich, Sprecherin der spachkritischen Aktion "Unwort des Jahres", verkündet das Unwort 2011. Bild: Jan-Christoph Hartung
Prof. Nina Janich, Sprecherin der spachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“, verkündet das Unwort 2011. Bild: Jan-Christoph Hartung

Anliegen der Unwort-Aktion ist es, das Augenmerk auf einen bestimmten Sprachgebrauch im öffentlichen Kontext zu lenken, um so Sprachsensibilität zu schaffen. Ein Bewusstsein dafür, ob man mit bestimmten Wörtern oder der Art, wie man sie gebraucht, andere verletzt, diskriminiert, etwas verschleiert oder Menschen in die Irre führt.

Neben „Döner-Morde“ zeichnete die Jury zudem „Gutmensch“ und „Marktkonforme Demokratie“ als weitere Unwörter für das Jahr 2011 aus. Die Jury entschied sich für „Döner-Morde“, da dieses Wort prototypisch dafür stehe, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert worden sei, so Professorin Nina Janich, die die Begründung der Jury vortrug. Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- oder Drogengeschäften zu suchen, seien mit dieser Bezeichnung gestützt worden.

Die Aktion ist unabhängig von Parteien oder Institutionen. Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten und wird jährlich wechselnd durch ein weiteres Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes ergänzt, in diesem Jahr durch den ehemaligen Bundesminister Dr. Heiner Geißler.

So viele Einsendungen wie nie zuvor

Nina Janich ist seit 2001 Jury-Mitglied und seit 2011 Sprecherin der Unwort-Aktion. Bild: Katrin Binner
Nina Janich ist seit 2001 Jury-Mitglied und seit 2011 Sprecherin der Unwort-Aktion. Bild: Katrin Binner

Jede Bürgerin und jeder Bürger kann sich an der Aktion beteiligen und Vorschläge einschicken. Die Jury erhielt 2420 Einsendungen und erzielte damit einen Beteiligungsrekord. Insgesamt wurden 923 verschiedene Wörter eingeschickt. Die häufigsten Einsendungen waren Döner-Morde (269mal), Stresstest (186mal), Rettungsschirm (136mal) und Tagesrandzeit (105mal).

Für Nina Janich, seit 2004 Professorin für Germanistische Linguistik an der TU Darmstadt und bereits seit 2001 Jury-Mitglied, ist gutes Deutsch wichtig, doch Stilistik oder Sprachverfall stehen für sie nicht im Fokus der Unwort-Aktion. Janich, die sich auch in ihrer Forschung und Lehre mit Sprachkritik befasst, gibt sich nicht der Illusion hin, dass die als „Unwort“ deklarierten Wörter nicht mehr verwendet werden. „Manche dieser Wörter machen sogar regelrecht Karriere. Aber generell mehr Achtsamkeit zu erreichen, bei der Art, wie man spricht, das wäre schon super.“

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