Deich unter Stress – bislang hält er!

08.08.2014

Deich unter Stress – bislang hält er!

Versuch am Forschungsdeich in Biebesheim liefert Erkenntnisse für Deichschutz

Im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Regierungspräsidiums Darmstadt mit den Wasserbauschulen der TU Darmstadt und der Hochschule Darmstadt wurde jetzt (7.8.) am Forschungsdeich des Landes Hessen auf dem Gelände der Deichmeisterei in Biebesheim ein Überströmungsversuch durchgeführt.

Erfolgreicher Überstörmungsversuch am Forschungsdeich in Biebesheim. Bild: Nadia Rückert
Erfolgreicher Überstörmungsversuch am Forschungsdeich in Biebesheim. Bild: Nadia Rückert

Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid gab das Signal, den wasserseitig bereits über mehrere Tage angestauten Deich zu überfluten. 4000 Liter Wasser pro Sekunde strömten daraufhin über die Deichkrone. Damit wurde eine Situation geschaffen, in der man im Realfall das Hinterland evakuieren und die Deichverteidigung aufgeben müsste. Zwanzig Minuten später stand fest: Der Deich hält stand!

„Glückwunsch von der Wissenschaft an die Wasserbauer im RP“, sagte Professor Boris Lehmann, Professor am Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft der TU Darmstadt. Denn die Deichmeisterei Biebesheim, die zum Dezernat Staatlicher Wasserbau des RP gehört, verfügt über eine besonders widerstandsfähige Grasmischung für den Deichbewuchs.

Diese wächst seit nunmehr fünf Jahren auf der Landseite des Forschungsdeichs und wird – unter realistischen „Deich-Bedingungen“ wie kontinuierlicher Begehung und Beweidung durch Schafe – gepflegt. „Es ist wirklich erstaunlich was hier passiert“, betonte Lehmann, „denn die Schubkräfte des Wassers, die wir der Grasnarbe zumuten, liegen um 200% bis 300% höher als die Werte, von denen die Fachliteratur sagt: Das hält das Gras nicht mehr aus.“

Forschungsdeich im Originalmaßstab liefert wertvolle Daten

Der Versuch in Bildern [Klicken Sie zum Start der Fotostrecke auf das Bild]
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Aus dem Versuch im Rahmen des Forschungsvorhabens „Sicherer Deich“ will man Erkenntnisse gewinnen über das Widerstandsverhalten beziehungsweise die Standsicherheit von Flussdeichen, die über längere Zeit vom Wasser überströmt werden. Des Weiteren will man testen, wie lange die in der Deichmeisterei Biebesheim verwendete Grasmischung den Überströmungen widersteht. Der Versuch soll jetzt so lange fortgeführt werden, bis die schützende Grasschicht nachgibt und eventuell der Deich „bricht“.

Diese Verschärfung der hydraulischen Belastungen bis zum Deichbruch wäre im realen Leben katastrophal, für die Wissenschaft aber ein Erfolg, denn aus der Versuchslage können wichtige Daten gewonnen werden, mit deren Hilfe man die Deiche in Zukunft sicherer machen könnte. Ein glücklicher Umstand für die Forschung ist außerdem, dass hier in Biebesheim der europaweit einzige Forschungsdeich im Naturmaßstab 1:1 zur Verfügung steht.

„Bei Versuchen in Laboren könnten wir die enormen Kräfte des Wassers, wie sie im Hochwasserfall auftreten, nicht so nachbilden wir hier am Forschungsdeich des Landes“, betonte Nicole Saenger, Professorin der Hochschule Darmstadt, die gemeinsam mit der TU Darmstadt das Forschungsprojekt auf der Basis früher durchgeführter Versuche umsetzt.

Mehr Sicherheit für 600.000 Menschen

Für die Darmstädter Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid ist die Kooperation des Landes mit der TU Darmstadt und der Hochschule Darmstadt ebenfalls ein Projekt, das in vielerlei Hinsicht mit Nutzen verbunden ist. Denn nicht nur die Wissenschaft – so Lindscheid – profitiere von den Ergebnissen, sondern auch das Regierungspräsidium. Dessen Staatlicher Wasserbau mit seiner Deichmeisterei sorgen in Südhessen für die Unterhaltung, die Sanierung und – gemeinsam mit den Anliegerkommunen – für die Verteidigung der Deiche im Einflussbereich des Hessischen Oberrheins und Untermains.

„Unsere Deiche schützen rund 600.000 Menschen auf einer Fläche von 400 Quadratkilometern. Alle Erkenntnisse der Wissenschaft, die die Funktion unserer Deiche verbessern können, helfen uns dabei, diese Menschen vor Hochwasser zu schützen“, so Lindscheid. Denn wenn es mehr Wissen gäbe, wie lange ein Deich den Fluten standhält, könnte man wertvolle Zeit gewinnen, um beispielsweise die Menschen und Tiere zu evakuieren,“ so die Regierungspräsidentin abschließend.

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