Den eigenen Weg gehen können

20.06.2014

Den eigenen Weg gehen können

Interview mit Prof. Ruzena Bajcsy und Prof. Klara Nahrstedt

Mutter und Tochter in der Wissenschaft: Die Professorinnen Ruzena Bajcsy und Klara Nahrstedt im Gespräch über Vorbilder, gemeinsame Forschungsprojekte und Frauen in der Wissenschaft.

Klara Nahrstedt und Ruzena Bajcsy schauen vor einer Bücherwand in die Kamera. Bild: Sandra Junker
Mutter und Tochter: Klara Nahrstedt (li.) und Ruzena Bajcsy. Bild: Sandra Junker

Prof. Klara Nahrstedt (PhD) von der University of Illinois hat derzeit eine KIVA-Gastprofessur an der TU inne und forscht zugleich im Sonderforschungsbereich „Multi-Mechanism-Adaption für das künftige Internet“ (MAKI).

MAKI holt regelmäßig bedeutende Wissenschaftlerinnen für Gastvorträge an die TU Darmstadt. Dieses Jahr laufen die Vorträge unter dem Titel „Ruzena Bajcsy Lectures on Communications“, benannt nach Klara Nahrstedts Mutter, die Wissenschaftlerin Ruzena Bajcsy, die die Reihe auch eröffnete. Die 81-Jährige ist seit 2001 Professorin für Electrical Engineering and Computer Science an der University of California in Berkeley.

Frau Prof. Bajcsy, Sie gelten als „Role Model“ für Frauen in den Wissenschaften – aufgrund Ihrer Zielstrebigkeit und Ihres Erfolgs. Gab es solche Vorbilder bereits, als Sie eine junge Wissenschaftlerin waren?

Ruzena Bajcsy: Ich habe schon als Jugendliche Madame Curie bewundert, weil sie zu ihrer Zeit eine der ganz wenigen Frauen in der Wissenschaft war. Sie wurde in Polen als Maria Sklodowska geboren und zog mit knapp 25 Jahren nach Frankreich, wo sie später als Physikerin und Chemikerin berühmt wurde. Ein anderes Vorbild war mein Vater: Er war Ingenieur – und ich wollte so sein wie er. Meine Mutter war übrigens Ärztin, das war damals sehr ungewöhnlich. Aber sie stammte aus einer aufgeklärten Familie und hat mir immer geraten: „Heirate nie, nur um dich abzusichern! Stehe lieber auf deinen eigenen Füßen.“ Nach dieser Losung lebe ich noch heute, und ich habe sie auch meiner Tochter mitgegeben.

Prof. Nahrstedt, war es für Sie selbstverständlich, den gleichen Weg einzuschlagen wie Prof. Bajcsy, Ihre Mutter?

Klara Nahrstedt: Ich hatte durchaus andere Interessen, wie Astronomie und Physik. Mein Diplom aber habe ich dann in Angewandter Mathematik gemacht, an der Humboldt-Universität im damaligen Ost-Berlin. Nach dem Diplom habe ich auch an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet. Als ich schließlich für den PhD in die USA ging, näherte ich mich dem Thema Computer-Netzwerke. Ich war glücklich, endlich frei forschen zu können. Da mir außerdem die Lehre immer Spaß gemacht hat, war es für mich naheliegend, eine akademische Laufbahn einzuschlagen.

Ruzena Bajcsy im Gespräch. Bild: Sandra Junker
„Stehe lieber auf deinen eigenen Füßen“ – Ruzena Bajcsy. Bild: Sandra Junker

Arbeiten Sie auch zusammen, etwa in gemeinsamen Forschungsprojekten?

Nahrstedt: Ja. Im Jahr 2003 habe ich mein Sabbatical genutzt, um das Labor meiner Mutter in Berkeley kennen zu lernen. Daraus entstand ein Forschungsprojekt zu tele-immersiven Umgebungen.

Bajcsy: Wir arbeiten auf verschiedenen Gebieten, die sich aber berühren: Uns beide beschäftigt die Verarbeitung von Signalen. Während es mir aber um den Input, also die Signale selbst geht, dreht sich Klaras Forschung eher um die Herausforderung, multimediale Signale über die Computer Netzwerke zu verbreiten. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich mich mit meiner Tochter auf mehreren Ebenen verstehe!

Sie beide sind aus Europa in die USA ausgewandert. War das ein bewusster Schritt, um die Karriere besser vorantreiben zu können?

Bajcsy: Ich bin 1967 mit einem Stipendium in die USA gekommen, das auf ein Jahr angelegt war. Erst dann habe ich entschieden zu bleiben – in meiner Heimat Tschechoslowakei waren damals die Kommunisten an der Macht.

Nahrstedt: Und meine wissenschaftlichen Möglichkeiten, im damaligen Ost-Berlin zum Beispiel zu promovieren, waren eingeschrankt. 1989 habe ich dann einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt – und war froh, als ich zu meiner Mutter nach Pennsylvania kam und dort auch meinen PhD machen konnte.

Bajcsy: Es waren auch persönliche Gründe, aber für unsere wissenschaftliche Laufbahn war die Emigration von Nutzen.

Wenn Sie heute auf Ihre Karriere blicken: War sie geradlinig, gab es Umwege oder Hindernisse?

Bajcsy: Es gab Persönlichkeiten, die mir sehr geholfen haben – wie mein erster Chef in den USA, der genau verstand, welchen Kulturschock der Umzug in die USA für mich bedeutete. Andere handelten nach der Prämisse: „Ich musste mich durchbeißen – also lasse ich dich auch ganz alleine machen.“

Nahrstedt: An der Akademie der Wissenschaften habe ich mich gebremst gefühlt. Aber als ich dann in den USA war und die Unterstutzung meiner ganzen Familie hatte, ging es voran – und von da an immer weiter.

Bajcsy: Wir sagen dazu: a smooth sail.

Nahrstedt (lacht): Ja, aber natürlich musst du auch Gelegenheiten ergreifen. Und manchmal musst du für deine Ideen kämpfen. Es reicht nicht zu warten, dass die Gelegenheiten zu dir kommen.

Klara Nahrstedt im Gespräch. Bild: Sandra Junker
„Zielstrebigkeit und Leidenschaft sind notwendige Voraussetzungen“ – Klara Nahrstedt. Bild: Sandra Junker

Heißt das, dass Leidenschaft und Zielstrebigkeit wichtiger sind als gute Kontakte?

Nahrstedt: Ich würde es so formulieren: Zielstrebigkeit und Leidenschaft sind notwendige Voraussetzungen. Gute Kontakte und Netzwerke sind die hinreichenden Bedingungen.

Prof. Nahrstedt, Sie bemühen sich auch darum, solche Netzwerke zu knüpfen – warum speziell für Frauen in den Ingenieurwissenschaften?

Nahrstedt: Frauen sind oft schüchtern. Sie stellen ihr Wissen nicht zur Schau – und auf Konferenzen wagen viele es nicht, die Kolleginnen und Kollegen anzusprechen. Deshalb habe ich bereits einige Male gleich zu Beginn einer Konferenz ein Lunch nur für Frauen organisiert. So kommen sie wenigstens einmal zusammen und können sich austauschen – und wenn sie sich im Laufe der Konferenz wieder über den Weg laufen, fällt es ihnen erfahrungsgemäß leichter, einander anzusprechen.

Haben Sie selbst schon Benachteiligung erlebt?

Bajcsy: Ja, bei einer Frau in meinem Department. Eine sehr gute Forscherin, die von allen Angehörigen des Departments am wenigsten verdient. Warum, ist unklar. Aber die Frau fragt nicht nach – und das ist typisch für uns Frauen. Zum einen reden sie nicht gerne über Geld. Zum anderen fehlt ihnen häufig ein Druckmittel: In der UC Berkeley zum Beispiel ist man bei Gehaltsverhandlungen in einer klar besseren Position, wenn man ein anderes Jobangebot in der Hinterhand hat. Frauen kümmern sich meistens nicht um solche Druckmittel.

Aber zurück zu dem Fall: Ich habe das Thema bei den Verantwortlichen im Department auf den Tisch gebracht. Dort wird gar nicht in diskriminierender Absicht gehandelt, sondern herrscht einfach nur hin und wieder Nachlässigkeit.

Gibt es etwas, das Deutschland bei der Frauenförderung von den USA lernen könnte?

Nahrstedt: Oh ja! Was für die Nachwuchswissenschaftlerin hierzulande wirklich hart ist, sind die ständigen Wechsel der Hochschule, wenn sie in der Hierarchie weiter kommen wollen: vom Junior Professor zur W2-Professur zu ordentlichem Professor. Das ist unvereinbar mit einem Familienleben.

Über die Jahre hinweg war ich immer wieder überrascht zu sehen, dass viele Frauen in Deutschland aus Rücksicht auf ihre Familie seit Jahren auf einer W2-Professor sind – obwohl sie hervorragende Forscherinnen sind. Das kenne ich nicht aus den USA; dort fördern wir unsere hervorragenden Leute, ohne sie zum Ortswechsel zu zwingen.

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