Finale furioso

04.12.2017

Finale furioso

Full House bei Werner Durths Abschied von der TU Darmstadt

Wann hat es das schon einmal gegeben: einen Vortrag, der nicht nur eine Tour d´Horizon durch die letzten fünfzig Jahre Architektur- und Stadtbaugeschichte bietet, passgenau illustriert mit Fotos, Skizzen, Zeichnungen und Zeitungsausschnitten, sondern auch untermalt mit Jimi Hendrix´ markanten Riffs und The End im sanften Sound der Doors? Werner Durth ist dieses Kunststück bei seiner Abschiedsvorlesung Rebellion und Reflexion – Baukultur 1967ff. gelungen.

Werner Durth am Rednerpult, im Hintergrund ein voller Hörsaal. Bild: Claus Völker
Werner Durth bei seiner Abschiedsvorlesung. Bild: Claus Völker

Durth nahm seine viele hundert Köpfe zählende Zuhörerschaft mit in einen faszinierenden Rückblick auf die fünf Jahrzehnte seit 1967, als er das Studium der Architektur an der damaligen TH Darmstadt aufnahm, bis heute, da er seine ertragreiche Lehr- und Forschungstätigkeit an seiner Alma Mater beendet – nicht um in den Ruhestand zu gehen, sondern um weiter zu forschen, zu schreiben, zu beraten. Nur lehren wird er nicht mehr.

Das Lebensgefühl der Sechziger Jahre mit den als spießig, verklemmt und intolerant empfundenen Eltern auf der einen, und der Befreiung durch Rockmusik, Backpacking und hitzige Diskussionen mit den Professoren auf der anderen Seite, brachte Durth dem Auditorium eindrucksvoll nah. Für seine Kommilitonen im Publikum, äußerlich ergraut, im Inneren noch immer gegen bürgerliche Konventionen opponierend, war es ein Wiederaufleben, für die Nachgeborenen ein Mitgenommen-Werden in die heroische Epoche der Bundesrepublik. Wie beneidenswert frei das Studium damals war, konnte Durth anhand seines Studienbuches ebenso zeigen, wie durch die Schilderung seiner heute aufgrund der politischen Lage unvorstellbaren Studienreise über Land von Darmstadt via Türkei, Persien und Afghanistan bis ins indische Chandigarh. Dort wurde er sich, enttäuscht vom Werk seines damaligen Vorbilds Le Corbusier, der Unangemessenheit importierter westeuropäischer Architektur in einem Entwicklungsland bewusst.

Zurück in Darmstadt wandte er sich, wach geworden, politisiert, gegen die zweite Zerstörung der deutschen Städte durch Abriss und den Bau unmaßstäblicher Neubauten: Gegen Stadtzerstörung – Darmstadt statt Karstadt lautete der Slogan der Demo gegen das monströse Luisencenter.

Damit hatte Durth die Forschungsthemen gefunden, die ihn in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr losließen: der Wiederaufbau des kriegszerstörten Deutschlands, Kontinuitäten anstelle der Legende von der Stunde Null und zuletzt: die Baukultur. Sein Geschick, Zeitzeugen zum Sprechen zu bringen, eröffnete ihm intime Blicke hinter die Kulissen der Macht, legte die biographischen Verflechtungen offen, die die deutsche Architektur des 20. Jahrhunderts über alle politischen Systeme hinweg geprägt haben.

Wer in Durth bislang „nur“ den vielfach ausgezeichneten Architekturhistoriker und genialen Netzwerker gesehen hatte, kann ihn nun als Maler, Zeichner und Illustrator kennenlernen, der er auch ist. Denn: Anlässlich seines Abschieds publizierte er eine Auswahl seiner künstlerischen Werke in einem umfangreichen Skizzenbuch.

Nach langen Standing Ovations ging der Abend in ein fulminantes Fest in der Kuhle über, von deren Galerie einer der Altrevoluzzer unter Ho Ho Ho-Chi-Minh-Rufen seiner Kommilitonen eine Fahne entrollte – und im Hintergrund rockte Jimi.

Bild: Claus Völker



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