19.12.2018

Interview zu Fleisch-Stereotypen, "Veggie-Boom" und Körperbildern

Fleisch galt lange als Garant für Männlichkeit. Wie sich Geschlecht in Zeiten des „Veggie-Booms“ über Ernährung definiert, erklären die Soziologie-Professorin Tanja Paulitz und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Winter.

Professorin Tanja Paulitz und Martin Winter schauen in die Kamera. Bild: Katrin Binner – © Katrin Binner
Vertreten die Kultur- und Wissenssoziologie an der Universität: Professorin Tanja Paulitz und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Winter, M.A.. Bild: Katrin Binner

TU Darmstadt: Frau Professorin Paulitz, Herr Winter, Sie untersuchen, wie Männlichkeit und ihre Verkörperung mit dem Konsum von Fleisch zusammenhängen. Woher kommt das Stereotyp, dass Fleisch „stark macht“?

Winter: Das hängt eng mit der Industrialisierung und dem beginnenden Kapitalismus zusammen. Historische Studien zeigen, dass sich damals die Sichtweise durchsetzt, dass Fleisch für den Aufbau der Muskeln sorgt, die ein Mann braucht, um seine Arbeit verrichten zu können. Diese Konnotation galt für die Industrie wie für das Militär. Soldaten wurden im ersten Weltkrieg mit sehr viel Fleisch versorgt. Irgendwann hat sich diese Sichtweise kulturell verselbstständigt.

Paulitz: In den kapitalistischen Industriegesellschaften verlagerte sich Arbeit vom bäuerlichen Hof in die Fabrik. Dort vollzog sich für die Arbeiterschaft eine Aufteilung in vermeintlich leichte Frauenarbeit und schwere Männerarbeit. Natürlich haben auch Frauen schwer gearbeitet, wurden aber, wie übrigens auch Kinder, geringer entlohnt. Erwirtschaftet wurde ein Familienlohn. Dennoch galt die Devise: „Der schwer arbeitende Ernährer der Familie muss selbst mit Fleisch am besten ernährt werden“. Es ist also eine Praxis, die eingebunden ist in eine gesellschaftlich tradierte Asymmetrie zwischen den Geschlechtern.

Heute sehen die Menschen den Konsum von Fleisch aus vielerlei Gründen kritisch. Es boomen vor allem vegane Nahrungsmittel. Wie erklärt sich das?

Winter: Spannend sind die Zahlen: Nur ein Prozent der Deutschen ernährt sich aktuell vegan, etwa zehn Prozent vegetarisch. Die große Masse bilden mit knapp sechzig Prozent sogenannte Flexitarierinnen und Flexitarier, die aus verschiedensten Gründen einfach weniger Fleisch essen wollen. Der eigentliche Boom spielt sich also im Bereich der veganen Lebensmittel ab. Es gibt immer mehr davon. Warum? Heutzutage gehen körperliche Arbeiten zurück. Damit entfällt eine wichtige Legitimation für einen hohen Fleischkonsum – auch bei Männern. Es geht eher um die Frage: Wie ernähre ich meinen Körper gut und richtig? Vielen Menschen scheinen vegane Fleischalternativen die richtige Antwort zu sein. Die Produkte kommen Fleisch optisch und geschmacklich sehr nahe. Kulturell ist bedeutsam, dass die symbolisch an Fleischkonsum gekoppelte Vorstellung von Männlichkeit gewahrt werden kann. Denn vegane Produkte setzen auch auf viele Proteine, denen eine vergleichbar stärkende Wirkung wie Fleisch zugeschrieben wird.

Paulitz: Ja. Viele kehren sich ab vom klassischen Sonntagsbraten, ohne Vegetarierin oder Veganer sein zu wollen. Früher war Ernährung überwiegend ein Mangelthema: Wie kann ich satt werden? Gibt es genug? Was gibt es überhaupt? Das wird seit Ende des 20. Jahrhunderts für eine größere Breite der Gesellschaft zu einer Frage des Maßhaltens und richtigen Auswahl. Gesunde Lebensmittel auszuwählen wird außerdem gesellschaftlich bedeutsamer, da die wohlfahrtsstaatliche Sicherung im Gesundheitsbereich zunehmend abgebaut wird. Sich gesundheitsbewusst zu ernähren bedeutet auch, im digitalen Kapitalismus fit, leistungsfähig und erfolgreich zu bleiben. Und Proteine spielen dabei eine zentrale Rolle.

Was sagt die Fleischindustrie dazu?

Winter: Eigentlich würde man ja davon ausgehen, dass sie die Gegenspieler der NGOs aus dem Umfeld der veganen Bewegung sind. Tatsächlich hat sich hier in den letzten Jahren aber eine Art Allianz entwickelt. Die Fleischindustrie hat die Situation erkannt und signalisiert, „wir wollen Fleischersatz produzieren“, und die NGOs haben gesagt, „wir zeigen Euch, wie es geht“. Die Fleischindustrie investiert hier viel und präsentiert Tofu-Würstchen und Seitan-Steak gezielt als neuen Trend – obwohl es diese ja bereits sehr lange gibt. Alle Großen haben mittlerweile ihre eigene vegetarische Linie und wissen, dass sie damit Geld verdienen können.

Paulitz: Und seitens der NGOs ist es der Versuch, den Veganismus aus der Nische zu holen, breiter zu vermarkten und hierfür die Produktionsstrukturen zu nutzen, die große Unternehmen zur Verfügung stellen können. Damit ändern sie ihre Stoßrichtung. Ziel ist nicht mehr, die Leute von einer vegetarisch-veganen Ernährung zu überzeugen. Der Tenor ist vielmehr: Man muss nicht gänzlich auf Fleisch verzichten, aber je weniger Fleisch man konsumiert umso besser. Damit geht es ihnen, bevölkerungspolitisch gedacht, um eine Gesamtbilanz der Ernährung. Entgegen den ehemals primär ethischen Überlegungen zum Fleischverzicht ist gegenwärtig verstärkt eine Denkweise der Optimierung der Gesamtrechnung durch Fleischreduktion zu beobachten. Für die Allianz ist hier eine klassische Win-Win-Situation entstanden.

Wenn Fleischersatz salonfähig wird: Was bedeutet das für die Vorstellung von Männlichkeit und einem männlichen Körper?

Paulitz: Zunächst einmal müssen wir konstatieren: Auch wenn die Muskelkraft für die Arbeit nicht mehr so entscheidend ist, sind Muskeln heute symbolisch für die Herstellung eines männlichen Körpers wichtig geblieben. Die Ausbildung bestimmter Mengen und Formen an Muskeln an den ‚richtigen‘ Stellen sichert gesellschaftlich die Differenzierung gegenüber Weiblichkeit ab. Dies ist bedeutsam, da genau diese Differenzierung ja nicht mehr wie früher institutionell und formal erfolgt, sondern die Partizipation von Frauen in der Gesellschaft unübersehbar ist. Zur Abgrenzung spielen Essen und seine Inhaltsstoffe sowie Sport eine wesentliche Rolle. Künstliches Fleisch mit viel Protein folgt damit derselben Logik wie ‚echtes‘ Fleisch. So wird es auch vermarktet und in der Öffentlichkeit rezipiert. Wir nennen das eine „Koproduktion von Fleisch, Wissen und Körpern“.

Winter: Vorbilder, die vorleben, dass man auch mit veganer Ernährung muskelbepackt vor seinen Freun­dinnen und Freunden bestehen kann, spielen bei der Durchsetzung dieses Narrativs eine wichtige Rolle. Attila Hildmann ist ein typisches Beispiel. In seinen veganen Kochbüchern erklärt er, warum man so essen sollte: Man macht es für sich selbst und für einen schönen Körper. Das ist eine neue Form der Legitimation der Ernährung für Männer.

Wie wird sich der „Veggie-Boom“ weiter entwickeln?

Winter: Alle gehen davon aus, dass der Boom sich halten wird. Das Thema wird bereits an vielen Stellen institutionalisiert. Es gibt zum Beispiel einen Studiengang für „Vegan Food Management“. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat bereits ein Positionspapier zu veganer Ernährung veröffentlicht.

Paulitz: Auf alle Fälle stellt er uns noch vor viele Fragen. Welche neuen Lebensmittel entstehen hier und mit welchem Ziel? Wie werden Körper „gemacht“? Zementiert Veganismus am Ende an sich überholte Geschlechterverhältnisse? Das Thema bleibt spannend.

Jutta Witte

Das Forschungsprojekt

Das Projekt „Ernährungskulturen und Geschlecht. Eine empirische Untersuchung von Männlichkeitskonstruktionen am Beispiel Fleischkonsum und Veggie-Boom“ läuft noch bis Ende 2018 und wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert. Der Studie liegen qualitative Analysen veganer Kochbücher, Feldstudien im Rahmen von Fachmessen in den Bereichen Lebensmittel, Metzgerei sowie Tierzucht- und Agrartechnik so­wie Interviews mit NGOs und Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zugrunde.

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