Technische Hochschule Darmstadt und Nationalsozialismus

Projekt: Technische Hochschule Darmstadt und Nationalsozialismus

Die im Herbst 2009 vom Präsidium der TU Darmstadt ins Leben gerufenen Projektgruppe zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der TH/TU Darmstadt während und nach dem Nationalsozialismus hat ihre Arbeit im Jahr 2014 abgeschlossen. Unter der Leitung von Professor Christof Dipper vom Institut für Geschichte untersuchten zwei Doktorandinnen im Rahmen ihrer Dissertationen die Geschichte der TH Darmstadt zwischen 1930 und 1960. Das Projekt ging bewusst über die Zäsur von 1945 hinaus und widmete sich auch der Nachkriegszeit und dem Erbe des Nationalsozialismus.

Unterstützt wurde die Arbeitsgruppe von einem wissenschaftlichen Beirat, bestehend aus drei namhaften deutschen Wissenschaftshistorikern.

1. Die Technische Hochschule Darmstadt im „Dritten Reich“

Teilveranstaltung im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der TH Darmstadt im Mai 1936 in der Städtischen Festhalle. Bild: Universitätsarchiv
Teilveranstaltung im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der TH Darmstadt im Mai 1936 in der Städtischen Festhalle. Bild: Universitätsarchiv

Melanie Hanel

Melanie Hanel hat sich in ihrer Dissertation der Geschichte der TH Darmstadt im Nationalsozialismus gewidmet. Ihre Studie erschien 2014 unter dem Titel „Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus“.

Der Schwerpunkt ihrer Untersuchung liegt auf der Hochschulpolitik und der „kriegswichtigen“ Forschung der Darmstädter Professoren für das NS-Regime. Im Zentrum der Dissertation stand zum einen die Frage, wie die Hochschule die hochschulpolitischen Vorgaben des NS-Regimes umsetzte, welche Handlungsspielräume hier bestanden und wie sie genutzt wurden. Zum anderen untersuchte sie, woran die Professoren forschten, welche Forschungsvorhaben im Nationalsozialismus finanziell gefördert wurden und welche Institute davon personell und räumlich profitierten.

Im Rahmen der Aufarbeitung der Entlassungen nach dem sog. Berufsbeamtengesetz vom April 1933 kann Hanel nachweisen, dass die Gruppe der aus „rassischen“ und politischen Gründen Vertriebenen einen relativ geringen Anteil ausmachte, während die Forschung bislang annahm, dass nur diese beiden Personengruppen betroffen waren. Ob sich das an den Universitäten ebenso verhielt, wird man erst sagen können, wenn man dort ähnlich gründlich dieser Frage nachgeht. An der Technischen Hochschule Darmstadt wurde jedenfalls eine ganze Reihe von Personen unter Anwendung der nationalsozialsozialistischen Gesetze entlassen, die offenbar vonseiten der Leitung als fachlich ungeeignet oder einfach missliebig angesehen wurden. Verschiedene Akteure an der Hochschule nutzten hier ihre Handlungsspielräume, um hochschulinterne Spannungen in ihrem Sinn zu lösen.

Wie groß die Handlungsspielräume der TH Darmstadt in hochschulpolitischen Belangen waren, illustriert Hanel darüber hinaus an den 37 Berufungsverfahren. Unter anderem durch ein geschlossenes Auftreten der Hochschule gegenüber den politischen Instanzen konnte sie ihr traditionelles Selbstergänzungsrecht nahezu ungeschmälert erhalten. Der Technischen Hochschule gelang es weiterhin, ihre Wunschkandidaten zu berufen, die fachliche Qualifikation blieb für die Übernahme eines Lehrstuhls ausschlaggebend.

Hanel zeigt in ihrer Untersuchung außerdem, dass ein Großteil der Darmstädter Professoren im Nationalsozialismus keine Probleme hatte, seine Forschungen durch den Reichsforschungsrat als „kriegs- und staatswichtig“ anerkennen zu lassen, weshalb der Anteil der Rüstungsforschung schon bald überwog, was sich insbesondere an der großen Beteiligung am „Vorhaben Peenemünde“ oder in der Gründung von drei Darmstädter Vierjahresplaninstituten zeigt. Die Technische Hochschule profitierte davon in mehrfacher Hinsicht und nahm den Charakter einer reinen Forschungsinstitution an. Die Lehrstühle konnten während des Zweiten Weltkriegs einen enormen Zuwachs an finanziellen und personellen Ressourcen verbuchen, der TH als ganzer gelang noch während des Kriegs die Errichtung mehrerer modern ausgestatteter Gebäude. Studenten gab es kaum noch.

2. Die Technische Hochschule Darmstadt in der Nachkriegszeit

Entlassungsverfügung eines Professors für Pharmazie der THD im Kontext der Entnazifizierung im November 1945. Bild: Universitätsarchiv
Entlassungsverfügung eines Professors für Pharmazie der THD im Kontext der Entnazifizierung im November 1945. Bild: Universitätsarchiv

Isabel Schmidt

Ausgehend von den Ergebnissen Hanels beschäftigte sich Isabel Schmidt mit der Geschichte der TH Darmstadt in den Jahren 1945 bis 1960. Ihr Buch „Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945-1960)“ erscheint im Frühjahr 2015. Die Arbeit widmet sich im Einzelnen dem Wiederaufbau, der „Umgestaltung der Ressourcenkonstellation“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Entnazifizierung, der Wiedergutmachung, der Berufungspolitik, der Hochschulreform und der Rolle der Studierenden. Der Schwerpunkt liegt auf der Personalpolitik der TH. Im Zentrum ihrer Studie stehen die Fragen, wie die TH Darmstadt nach 1945 als Akteur auftrat und welche Aussagen über ihren Umgang mit der NS-Vergangenheit gemacht werden können.

Wie Schmidt herausfand, kümmerte sich die amerikanische Militärregierung nur am Rande um die Ereignisse an der TH Darmstadt, sodass die Hochschule erhebliche Handlungsspielräume besaß. Zwar war die Zeit nach 1945 alles andere als einfach, jedoch boten sich der TH Darmstadt mehr Chancen als Grenzen. Eine bedeutende Rolle beim Umgang der Hochschulleitung mit dem personellen und materiellen Erbe des Nationalsozialismus weist Schmidt diskursiven Strategien der TH Darmstadt zu.

Man gab sich nun als „Anti-Nazi-Hochschule“ aus und sorgte durch klug gewählte Strategien, dass die Entnazifizierungs-, Wiedergutmachungs- und Berufungsverfahren in ihrem Sinne verliefen. Dass die TH Darmstadt massiv und äußerst gewinnträchtig in Kriegsforschung während des Nationalsozialismus involviert war, war rasch vergessen. Langfristige Konsequenzen dieser Verhaltensweisen der TH-Leitung waren, dass von den während des NS-Regimes vertriebenen Hochschulangehörigen lediglich drei Personen an die TH Darmstadt zurückkehrten. Außerdem wurden die Entnazifizierungsverfahren der Darmstädter Professoren dank des aktiven Eingreifens seitens der Hochschulleitung spätestens 1946/47 beendet und die Lehrstuhlinhaber konnten an die Hochschule zurückkehren.

Lediglich zwei Professoren blieb eine Rückkehr aus politischen Gründen verwehrt. Bezüglich der Berufungspolitik nach 1945 weist die Studie Schmidts das jüngst auch in Verwaltung und Politik bemerkte Phänomen nach, dass die TH Darmstadt in den 1950er Jahren „brauner“ war als in den 1930er Jahren. Schon das erklärt, weshalb der Blick auf die eigene Vergangenheit lange Zeit ebenso lückenhaft wie geschönt war. Bis dies bemerkt und korrigiert wurde, mussten Jahrzehnte vergehen.

Adler am heutigen Psychologiegebäude. Bild links von 1939 zeigt noch ein Hakenkreuz, das später weggeschlagen wurde. Bild links: Universitätsarchiv, rechts: Anna Schmidt
Adler am heutigen Psychologiegebäude. Bild links von 1939 zeigt noch ein Hakenkreuz, das später weggeschlagen wurde. Bild links: Universitätsarchiv, rechts: Anna Schmidt

Forschungsbeitrag

Das Projekt legt langfristige Entwicklungslinien, Haltungen und Verarbeitungsstrategien der Hochschulführung in Bezug auf die Geschichte des Nationalsozialismus offen. Beide Arbeiten zeigen durch akteurszentrierte Fragestellungen von der Forschung bislang vernachlässigte Handlungsmöglichkeiten einer Technischen Hochschule während und nach 1945 auf.