Lernen lernen
Wie wirken sich Selbsteinschätzungen auf den Lernerfolg aus? Erste Meta-Studie veröffentlicht
2025/08/29 von Martina Schüttler-Hansper
In ihrer Meta-Studie „Do immediate judgments of learning alter memory performance? A meta-analytical review“ untersuchte Franziska Ingendahl, Doktorandin in der Arbeitsgruppe „Angewandte Kognitionspsychologie“ am Institut für Psychologie der TU Darmstadt, wie Vorhersagen über das eigene Erinnerungsvermögen beim Lernen, sogenannte Judgments of Learning (JOLs), das spätere Gedächtnis beeinflussen. Die Forschungsarbeit wurde nun in der renommierten Fachzeitschrift „Psychological Bulletin“ veröffentlicht.

Der aktuelle Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe Angewandte Kognitionspsychologie liegt auf Metakognitionen. „In der Psychologie versteht man unter Metakognition die menschliche Fähigkeit, eigenes Wissen, Erinnern und Denken zu reflektieren – also ganz grundlegend: Was weiß ich über mein eigenes Wissen und Lernen“, beschreibt Ingendahl. „Lernen muss im Lauf des Lebens immer eigenständiger werden, etwa bei Schülerinnen und Schülern in höheren Klassen, Studierenden oder auch beim Lebenslangem Lernen. Lernende sind gezwungen, selbst zu entscheiden, wann und wie sie lernen – und außerdem zu erkennen: Bin ich gut vorbereitet? Und wenn nicht, zu wissen: Wie gehe ich damit um? In Lernprozessen muss man sich kontinuierlich selbst einschätzen.“ Gute metakognitive Fähigkeiten spielen eine entscheidende Rolle beim Lernen und sind eine zentrale Voraussetzung für gute schulische und akademische Leistungen.
Um zu verstehen, was Menschen über ihr Lernen und Erinnern wissen, erfragen Forschende meist Urteile von Lernenden, insbesondere sogenannte Judgments of Learning (JOLs): Vorhersagen von Menschen während des Lernens, wie gut sie sich zu einem späteren Zeitpunkt an das Gelernte erinnern werden. „Forschende benutzen in ihren Studien häufig Selbstberichte von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Sie fragen: Was denken Sie, haben Sie das verstanden oder nicht? Können Sie das in der Klausur wiedergeben oder nicht? Sie variieren dann systematisch bestimmte Bedingungen, etwa die Komplexität des Lernmaterials, um zu schauen, ob Lernende diese Bedingungen mitberücksichtigen“, erklärt Ingendahl.
Lange gingen Forschende davon aus, dass das Erfragen dieser Urteile unproblematisch sei, man Menschen also Fragen zu ihrer Selbsteinschätzung stellen könne und es nichts am Lernprozess und ihrer zukünftigen Erinnerungsleistung ändere. „Auch, weil Menschen ihren Lernfortschritt ohnehin ständig und spontan überwachen sollten“, sagt Ingendahl und ergänzt: „Die Idee dahinter ist, dass eine effektive Regulation des eigenen Lernens nur sinnvoll funktionieren kann, wenn die Menschen sich selbst einschätzen.“
Lernurteile können Gedächtnisleistung beeinflussen
Mit der Frage, ob das Erfragen von solchen Urteilen die Gedächtnisleistung verändern kann, beschäftigen sich Forschende erst seit fünf bis zehn Jahren. Seit 2015 wurden mehr als 30 Forschungsarbeiten veröffentlicht. Diese neuere Forschung zeigt, dass das Erfragen von JOLs den Lernprozess und die Gedächtnisleistung im Sinne einer messinduzierten Reaktivität beeinflussen kann.
Für die Forschungsarbeit, die Ingendahl gemeinsam mit Professorin Monika Undorf von der TU Darmstadt und Professorin Vered Halamish von der Bar-Ilan University Israel durchführte, wurden 344 einzelne Befunde aus 175 Experimenten betrachtet, mit einer Gesamtstichprobe von 15.000 Teilnehmenden. Die Analyse beantwortet zentrale Fragen wie: Beeinflusst das Erfragen von JOLs die Gedächtnisleistung? Falls ja, wie stark? Und handelt es sich dabei um eine Verbesserung oder Verschlechterung? Welche Randbedingungen beeinflussen Auftreten, Stärke und Richtung reaktiver Effekte durch JOLs? Die Meta-Studie führt bestehende Forschungsergebnisse zusammen, identifiziert Randbedingungen und prüft psychologische Theorien zur Erklärung des Phänomens, wie Vorhersagen über das eigene Erinnerungsvermögen beim Lernen das spätere Gedächtnis beeinflussen.
„Unsere Arbeit zeigt, dass die Vorhersage der eigenen Gedächtnisleitung mittels JOLs die Gedächtnisleitung in geringem Maße verbessern kann. Das gilt insbesondere für relativ leichte, inhaltlich verbundene Lernmaterialien. Etwa verbundene Wortpaare, wie Hund – Katze. Sind die Lernmaterialien relativ schwierig und inhaltlich unverbunden, kann das Abgeben von JOLs die Gedächtnisleistung aber auch nicht verbessern oder sogar verschlechtern“, beschreibt die Doktorandin. „Gleichzeitig sehen wir, dass zwischen den unterschiedlichen Randbedingungen, teilweise innerhalb derselben Studie, eine große Vielfalt an Befunden herrscht. Das kann etwas mit den Randbedingungen zu tun haben, den zu lernenden Inhalten und den verwendeten Tests, aber auch mit der Lernumgebung.“
Franziska Ingendahl, Doktorandin in der Arbeitsgruppe „Angewandte Kognitionspsychologie“ am Institut für Psychologie der TU Darmstadt.
Ingendahl sieht weiteren Forschungsbedarf, sowohl im Bereich Grundlagenforschung als auch bei der Umsetzung im Bildungsalltag. „Es gibt noch viele offene Fragen, etwa wie Menschen sich beim Lernen einschätzen, welche Informationen sie nutzen, welche Fehlvorstellungen sie vielleicht haben, darüber, was hilfreich ist“, sagt Ingendahl. „Dabei ist es dann auch wichtig zu schauen, wie kann man das korrigieren, damit Lernen besser wird. Was Forschende mitnehmen sollten: Vorhersagen über das eigene Erinnerungsvermögen beim Lernen können einen Unterschied machen, spielen aber nicht in jedem Fall eine große Rolle.“
Veröffentlichung in Psychological Bulletin:
Do immediate judgments of learning alter memory performance? A meta-analytical review.
Ingendahl, F., Halamish, V., & Undorf, M. (2025). Do immediate judgments of learning alter memory performance? A meta-analytical review. Psychological Bulletin, 151(7), 892–929. . DOI