Patrick Scholl

Eine Schuhsohle für den kranken Großvater

05.02.2020 von

Eigentlich hat Patrick Scholl bis 2018 Maschinenbau studiert, doch „in der Sohle steckt deutlich mehr Elektrotechnik“, lacht er. Das hat ihn jedoch nicht geschreckt. „Es geht um das Lösen von Problemen und das habe ich im Studium gelernt“, sagt der junge Erfinder, der 2011 aus dem Odenwald zum Studium an die TU Darmstadt kam. Den Anstoß zu der High-Tech-Sohle gab Scholls Großvater. Der ist an Parkinson erkrankt und hat immer wieder Probleme beim Gehen.

Um ihn vor Stürzen und Verletzungen zu bewahren, wollte sein Enkel ein technisches Gerät entwickeln, das die Gefahr rechtzeitig erkennt und gegensteuert. Herausgekommen ist eine Einlegesohle für die Schuhe, die mit Sensoren ausgerüstet ist, die sofort reagieren, wenn sich die Gangart des Patienten verschlechtert und einen Impuls in den Fuß schicken. Der Alarm soll dem Kranken signalisieren, seine Füße höher zu heben, um nicht ins Straucheln zu geraten. Beim Träger kommt dabei kein unangenehmer Reiz an. „Es fühlt sich eher an wie das Vibrieren eines Handys“, betont Patrick Scholl.

Beim TU Darmstadt Ideenwettbewerb 2017 stieß Scholls Projekt auf sehr gute Resonanz. „Die Idee war da aber noch nicht so ausgereift“, erzählt der Alumnus. Mit im Boot war bereits Simon Staffa, ein Maschinenbau-Kommilitone von Patrick Scholl. Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach einem Mitstreiter aus der Elektrotechnik. In Fahrt kam das Vorhaben, als Patrick eines Abends bei einem Bier in der Darmstädter Studentenkneipe „Krone“ zufällig den TU-Elektrotechnikstudenten Lukas Braisz kennenlernten und der gleich zusagte, bei der Entwicklung mitzuarbeiten. „Er war auch am nächsten Morgen noch begeistert von der Idee“, erinnert sich Scholl schmunzelnd. Gemeinsam tüftelten sie nun an einem Prototyp.

Auch seine Masterarbeit widmete Patrick Scholl dem Thema. Kennengelernt hatte er hierbei einen Neurologen des Uniklinikums Frankfurt, der die Idee unterstützte und medizinische Hilfestellung bei wichtigen Grundfragen gab. Wie entsteht überhaupt die Parkinson-Erkrankung, wie sehen die Symptome aus und wie muss eine Sohle funktionieren, damit sie überhaupt effektiv stimulieren kann. Wie lässt sich Technologie sinnvoll neurologisch nutzen? Fragen, auf die Alumnus Patrick Scholl und seine Mitgründer von „Novapace“ nun hoffen, eine Antwort gefunden zu haben.

Gleich nach dem Master-Abschluss wechselte Scholl mit seinen Mitstreitern in die Selbstständigkeit. Unterstützt wurden sie dabei vom TU-Gründungszentrum HIGHEST sowie einem EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, das ihnen für ein Jahr Gehalt, Sachmittel und Coaching sicherte. Im TIZ in der Darmstädter Weststadt sitzen sie seit 2018 in einem Raum, der als Büro und Werkstatt dient. Die Geschäftsidee der Parkinson-Sohle räumte seither zahlreiche Preise bei Wettbewerben ab. Darunter der Virginia Tech Global Preliminary 2018, VT Global Entrepreneur 2018, Pitch Marathon Berlin, Generation-D, Businesswettbewerb Medizintechnik und zuletzt stand Novapace auch im Finale des Hessischen Gründerpreises 2019.

Fernziel ist, dass die Krankenkassen die Kosten der Einlegesohlen für ihre Parkinson-Patienten übernehmen. „Unsere Sohle soll beim Training helfen. Je früher ein solches Training einsetzt, umso eher verbessert sich die Gangart und Muskulatur bei Parkinson-Patienten“, ist Scholl überzeugt. Sein Großvater hat die Einlagen ausprobiert und war angetan. Etwa zehn weitere Erkrankte haben sie im Labor getestet. 2020 ist eine Studie mit rund 50 Patienten an einer Universitätsklinik geplant. Zur Sohle gehört eine App, die misst wie viele Schritte der Patient macht, wann und zu welchen Uhrzeiten Fehler bei der Gangart auftreten. „Diese Auswertung kann für Neurologen sehr spannend sein“, betont der Alumnus.

Inzwischen ist die Idee zum Patent angemeldet. Das Trio von „Novapace“ ist auf der Suche nach Geldgebern, doch gerade in der Medizintechnik braucht man einen langen Atem. Der Zulassungsprozess ist aufwendig und dauert unter Umständen mehrere Jahre. Daher suchen Scholl und seine Mitstreiter nach InvestorInnen, die die Branche kennen und bereit sind, diesen langen Weg bis zum Markteintritt mitzugehen. Bessere Chance sehen die Gründer, wenn erste Studienergebnisse vorliegen. Bis dahin will Patrick Scholl die Zeit nutzen, um auch im Ausland das Netzwerk in der Medizintechnik weiter auszubauen.

Im November hat er die Koffer gepackt und einen Flug nach Brasilien gebucht. Schon während des Studiums hat er ein Auslandssemester an der Universität von São Paulo verbracht und dort seine Freundin kennengelernt. Das Novapace-Projekt in Darmstadt läuft weiter – jetzt eben mit einem Ableger in Brasilien. „Ich kümmere mich um die Datenauswertung. Da ist es unerheblich, ob ich im Odenwald sitze oder in São Paulo“, betont Patrick Scholl.