Spitzenrunde zur Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft

2020/11/26

Rund 280 Teilnehmer*innen besuchten das virtuelle Netzwerktreffen. Vertreten war das ge-samte Karriere-Netzwerk von Mentoring Hessen. Neben Vertreter*innen der Wissenschaft wie Professor*innen und (Post-)Doktorand*innen verfolgten auch interessierte Studentinnen und Mentorinnen, die in Wirtschaft und Gesellschaft tätig sind, die spannende Diskussion und stellten zahlreiche Fragen.

Dr. Ulrike Kéré, Geschäftsführerin von Mentoring Hessen, erläuterte zum Einstieg die Relevanz des Themas angesichts der nach wie vor männlich geprägten MINT-Fächer und der Unterrepräsentanz von Frauen vor allem in Fach- und Führungspositionen. Die statistischen Belege sind eineindeutig: 2019 lag der Frauenanteil bei Studierenden bundesweit bei 49,3 %, in den MINT-Fächern bei 31,4% und in den Ingenieurwissen-schaften sogar bei nur bei 24 %. Ähnliches zeigt sich bei den Promotionen. Insgesamt wurden 45,4% von Frauen abgeschlossen, in den MINT-Fächern waren es nur 33,5 % und in den Ingenieurwissenschaften 18,6%. Spätestens bei den Professuren wird deut-lich, dass die Hochschulen noch weit von einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis entfernt sind. Der Anteil an Professorinnen lag 2019 bei 25,6 %. Bei den Hochschullei-tungen stieg er bundesweit auf 29,8 %. Kanzlerinnen sind mit 33,2 % am Häufigsten vertreten, gefolgt von Vizepräsidentinnen mit 32,4 %. Aber nur 22,2 % Präsidentinnen und Rektorinnen standen 2019 den Hochschulen vor. (Quellen Kompetenzzentrum Technik, Diversity und Chancengleichheit Datenpool, Cews und Statista). Kérés Fazit: „Geschlechtergerechtigkeit ist noch lange nicht erreicht.“

Danach befragt, wie sie als Frauen in Spitzenpositionen des Wissenschaftssystems agieren, wie sie selbst Macht einsetzen und dem Thema Geschlechtergerechtigkeit begegnen, stellt die Runde aus Ministerin und Universitätspräsidentinnen klar: Frauen werden in Führungspositio-nen anders, nämlich kritischer, wahrgenommen. Sie müssen mehr leisten und stärker kämpfen, aber, sie arbeiten viel enger zusammen, beispielsweise bezogen auf die Gleichstellungspolitik. Studien belegen, dass Frauen ein männlich konnotierter Führungsstil negativ ausgelegt würde. Aber gleichzeitig ist das Podium sich einig und mahnt an, wegzukommen von den Zuschrei-bungen, was typisch männlich und weiblich sei.

So sagt Tanja Brühl: „Ich wünsche mir den Wandel hin zur diversitätsgerechten Hochschule, die gendergerecht ist, aber auch alle anderen Dimensionen berücksichtigt.“ Und sie ergänzt: „Der Kulturwandel von der konservativen hin zur offenen Institution ist im Gange, aber der Weg bleibt anstrengend für alle Beteiligten. Es braucht vor allem Zeit und strukturelles Netz-werken.“ Katharina Krause wirbt dafür, hierbei Respekt vor den Argumentationsstrukturen anderer zu haben, denn gerade die Hochschulen seien sehr fachlich geprägt. Deshalb gelte für sie „Leitungsaufgaben sind Kommunikationsaufgaben, auch im Team des Präsidiums.“

Angela Dorn bekräftigt die Positionen der Präsidentinnen. Macht bedeute in einem kooperati-ven und kommunikativen Führungsstil Ziele zu setzen, zu gestalten und Interessen fortwäh-rend abzustimmen – in ihrem Fall sowohl innerhalb der Landesregierung als auch mit den Hochschulen. Darüber, dass der Strukturwandel notwendig sei, bestehe Einigkeit zwischen Politik und Hochschulen. Zentrale Instrumente sieht sie darin, Professor*innen als Führungs-personen weiterzubilden und die Hochschulen zu verpflichten ihre aktive Suche nach Kandi-datinnen für Professuren systematisch zu dokumentieren. Der Hochschulpakt schaffe hier fi-nanzielle Anreize. Und Birgitta Wolff ergänzt, dass auch Berufungsverfahren sich verändern müssten, zum Beispiel was die Auswirkung von Erziehungszeiten auf die Anzahl wissen-schaftlicher Publikationen angeht. Tenure-Track-Professuren seien attraktiv besonders für Frauen ebenso bedarf es familienfreundlicher Arbeitsstrukturen. „Wir sind auf einem guten Weg, dennoch bedarf es der Analyse fachspezifischer Barrieren sowie der Entwicklung weite-rer Strategien und wirksamer Instrumente zur Rekrutierung von Frauen für Spitzenfunktio-nen.“

Dazu, so versicherte PD. Dr. Astrid Franzke, die stellvertretende Geschäftsführerin von Men-toring Hessen, in ihrem Schlusswort, will Mentoring Hessen weiterarbeiten und einen nachhal-tigen Beitrag durch gezielte Frauenfördermaßnahmen, Qualifikation und Netzwerkausbau leisten.

Dieser Artikel wurde im November 2020 auf der Webseite von Mentoring Hessen veröffentlicht.

Fotocredits:

Angela Dorn: kunst.hessen.de

Prof. Dr. Birgitta Wolff: Uwe Dettmar

Prof. Dr. Tanja Brühl: Katrin Binner

Prof. Dr. Katharina Krause: Rolf K. Wegst