„Vermeintliche Kleinigkeiten können zu großer Irritation führen“

Professorin Britta Hufeisen ist die neue Ombudsfrau für internationale Studierende

04.02.2020

Mehr als 4.500 Studierende der TU Darmstadt sind internationaler Herkunft. Für die meisten stellt ein Studium an der TU einen aufregenden Lebensabschnitt dar, doch nicht immer verläuft der Studienalltag problemlos. Mit ihren Sorgen und Fragen können sich die „Internationalen“ an Professorin Britta Hufeisen, Ombudsfrau für internationale Studierende, wenden. Ein Gespräch mit ihr und ihrem Vorgänger, Professor Franz Bockrath, über fehlendes Geld, Ärger auf dem Amt und kulturelle Missverständnisse.

Franz Bockrath und Britta Hufeisen im Gespräch

Professor Bockrath, mit welchen Anliegen haben sich die Studierenden in den vergangenen sieben Jahren an Sie gewandt?

Professor Franz Bockrath: Einige Probleme tauchen immer wieder auf. Oft sind die Studierenden in finanziellen Schwierigkeiten, weil sie beispielsweise von zu Hause nicht mehr unterstützt werden können. Oder sie sind durch Unfall oder Krankheit nicht mehr in der Lage, für sich zu sorgen. Manchen fehlt auch das Geld, weil sie die Familie in der Heimat finanziell unterstützen.

Zudem müssen die Studierenden ein Mindestguthaben auf einem Sperrkonto nachweisen, um ihren Aufenthalt zu verlängern, das fällt vielen schwer. Ein Klassiker ist außerdem die Aufenthaltserlaubnis. Oder Probleme mit der Überschreitung der Aufenthaltsdauer, die nach maximal zehn Jahren endet. Es gab Fälle von Diskriminierung, manchmal aufgrund von Missverständnissen. Einigen fällt es schwer, einen Verwaltungsvorgang zu organisieren und studentische Anforderungen einzuhalten, wie etwa sich rechtzeitig zu einer Prüfung anzumelden. Und natürlich gibt es noch die Palette der privaten Probleme, wie bei allen Studierenden.

Wie viele Anfragen haben Sie erhalten? Und konnten Sie helfen?

Bockrath: Im Schnitt war es ein Fall pro Monat. Wobei mancher mit einem Anruf erledigt werden konnte, andere sich aber über ein halbes Jahr hingezogen haben und sehr aufwändig waren. Interaktionen mit Behörden sind für ausländische Studierende oft schwierig. Hier konnten wir unterstützen, zum Teil auch mit anwaltlicher Hilfe. Eine Zeitlang war die Ausländerbehörde sehr restriktiv, auch aus politischen Gründen. Diese Kommunikation hat sich aber sehr verbessert.

Professorin Britta Hufeisen: Ja, die Zusammenarbeit ist inzwischen sehr gut. Auch von unserer Seite kann ich das sagen.

Bockrath: Auch finanziell kann man helfen, beispielsweise durch Rückgriff auf den Förderverein für in Not geratene Studierende oder durch die Sozial- oder BAföG-Beratung. Bei formalen Problemen, wie versäumten Fristen oder nicht bestandenen Prüfungen, liegt es oft an Schwierigkeiten mit dem Anmeldesystem TUCaN. Den Studierenden fehlt dabei die persönliche Ansprache, weil das in den Herkunftsländern anders funktioniert. Hier kann man meist gut helfen, die TU ist da sehr kooperativ. Auch bei Diskriminierungsfällen konnte ich vermitteln. Viele Abläufe sind an der Universität technisch organisiert, das wird von einigen Studierenden als unpersönlich und abwertend wahrgenommen und führt mitunter zu Missverständnissen. Aber manchmal werden Unklarheiten auch für persönliche Vorteile ausgenutzt.

Hat sich die Situation seit Ihrem Amtsantritt 2012 verändert?

Bockrath: Ja, es ist besser geworden. Es kommen insgesamt weniger Anfragen. Durch das Dezernat Internationales wird vieles abgefangen. Das heißt aber nicht, dass die Fälle weniger schwierig sind. Es gibt außerdem eine gute Zusammenarbeit mit Wolf Hertlein vom Beschwerde- und Verbesserungsmanagement. Auch ein Austausch mit anderen Ombudspersonen ist hilfreich. Dadurch habe ich gelernt, die Arbeit in ihrer politischen Bedeutung besser zu verstehen.

Gab es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Bockrath: In den Jahren 2015 bis 2017 hat das Institut für Sportwissenschaft der TU gemeinsam mit der Bürgerstiftung ein Sportangebot für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge organisiert, das gut angenommen wurde. Man merkte, die Jugendlichen haben Schlimmes erlebt, über bestimmte Themen wollten sie mit uns nicht sprechen. Durch die Sportaktivitäten wurden sie unbefangener, haben sich dann auch privat vernetzt. Zwei dieser Flüchtlinge haben in Darmstadt ihren Schulabschluss gemacht und anschließend durch den Bezug zur TU hier studiert. Das war sicher eine erfreuliche Erweiterung meiner Arbeit.

„Ich will die Aufgabe, die ich wichtig finde, so gut wie möglich machen!“ Professorin Britta Hufeisen, Ombudsfrau für internationale Studierende

Professorin Hufeisen, als Leiterin des Sprachenzentrums haben Sie viel mit internationalen Studierenden zu tun. Was sind Ihre Erfahrungen?

Hufeisen: Ausländische Studierende müssen sich eingewöhnen. Manche tun sich bei der Orientierung schwerer als andere. Zudem gibt es kulturspezifische Eigenheiten. Wir haben darauf reagiert, so bietet beispielsweise das Zentrum für interkulturelle Kompetenz Workshops an. Handlungen, die wir für selbstverständlich halten, werden dann thematisiert. Vermeintliche Kleinigkeiten können zu großer Irritation führen. Das gilt auch umgekehrt für die deutschen Outgoer.

Bockrath: Die Schwelle, sich einzugestehen, ich habe ein Problem, ich komme mit der Kultur nicht zurecht, ist ziemlich hoch. Da ist Hilfestellung wichtig.

Hufeisen: Meist nehmen die Studierenden nicht wahr, dass das Problem bei ihnen liegt. Viele sehen das Problem bei der Uni.

Was kann die Universität (noch mehr) für die internationalen Studierenden tun?

Hufeisen: Die TU bietet einiges an, zum Beispiel die Welcome Week, die dabei hilft, das Studium und Leben in Deutschland zu erleichtern. Man darf aber nicht vergessen, dass diese Veranstaltungen immer aus unserer Perspektive organisiert sind, also aus der Sicht der aufnehmenden Kultur. Bestimmte Sachverhalte stellen wir aus unserer Perspektive dar oder greifen auf unsere Erfahrungswerte zurück. Studierende aus Nordamerika reagieren dann erfahrungsgemäß anders als jene aus Asien oder Nordafrika. Im Grunde müssten wir eine Situation auf viele verschiedene Arten darstellen – das ist nicht handhabbar. Wenn Probleme auftauchen, reagieren wir individuell darauf.

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?

Hufeisen: Ich will die Aufgabe, die ich wichtig finde, so gut wie möglich machen! Der Vorteil, wenn man das Sprachenzentrum einer Uni leitet, ist, dass man vor allem die Klientel und die damit verbundenen Probleme aus der eigenen Arbeit schon kennt. Ich weiß, wen ich für bestimmte Dinge ansprechen kann. Auch ich bin der Meinung, dass das Dezernat Internationales schon sehr viel auffängt. Manchmal können die internationalen Studierenden ihr Problem gar nicht benennen, weil sie nicht wissen, was das Problem ist. Das sind dann keine sprachlichen Schwierigkeiten, sondern völlig unterschiedliche Kommunikationsgepflogenheiten. Man muss jeden Fall immer einzeln betrachten.

Bockrath: Manchmal sind die Studierenden auch überfordert, weil sie mit einigen Gepflogenheiten nicht klarkommen oder sie nicht kennen. Mit Gestik, Mimik, Körperhaltung signalisiert man Dinge, die vom anderen interpretiert werden, was oft zu Missverständnissen führt. Da läuft man in alle Fallen.

Hufeisen: Früher hieß es, wer hier studieren will, muss hier zurechtkommen. Das hat mich schon damals empört. Heute wird man das so nicht mehr finden, da hat sich das Klima komplett geändert.

Die Fragen stellte Claudia Staub.

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