Larissa Langer

Von der Uni gleich auf die Baustelle

20.04.2020 von

Larissa Langer ist derzeit das „Gesicht“ der Deutschen Bahn und deren Bemühungen, mehr Fachkräfte und Frauen für das Unternehmen zu gewinnen. Mit Baustellenhelm, Schutzweste und einem Lächeln wirbt die Ingenieurin auf meterhohen Plakaten deutschlandweit in Bahnhöfen für die Mobilität der Zukunft. Ein wenig macht Larissa Langer damit auch Werbung für die TU. In Darmstadt hat die 31-Jährige ihren Masterabschluss in Angewandten Geowissenschaften gemacht – mit dem Schwerpunkt Ingenieurgeologie. Heute arbeitet sie für die DB im Projektmanagement für das Megaprojekt „Stuttgart 21“.

Normalerweise ist Larissa Langers Arbeitsplatz ein geräumiger Baustellencontainer unweit des Tunnelschachts in Stuttgart. Doch die Corona-Krise hat auch den Berufsalltag der jungen Ingenieurin durcheinandergewirbelt. Seit Wochen arbeiten sie und das zehnköpfige Team, das für das technische Projektmanagement verantwortlich ist, im Homeoffice. Das ist zwar eine Umstellung, aber es funktioniert, erzählt sie. Statt zu großen Besprechungen auf der Baustelle zusammenzukommen, lädt man nun die 20 bis 30 Beteiligten zu Telefonkonferenzen ein. „Das klappt gut und vielleicht ist es ja auch eine Option nach Corona, dass beispielsweise Teilnehmer mit langer Anfahrt nicht mehr anreisen müssen, sondern einfach zugeschaltet werden“, sagt Larissa Langer. Klimafreundlicher wäre es und damit auch ganz im Sinne der Bahnkampagne, für die die TU-Alumna gerade mit ihrem Gesicht und ihrem Lächeln eintritt.

Initiativbewerbung nach dem Studium

Die 31-Jährige arbeitet seit 2013 als Geoingenieurin für die Deutsch Bahn. Das Megaprojekt „Stuttgart 21“, das im Vorfeld für politische Schlagzeilen sorgte, ist ihr erster Arbeitsplatz nach dem Studium. Larissa Langer hat damals einfach eine Initiativbewerbung gestartet. „Mir war klar, das ist das Größte, was gerade in Deutschland läuft.“ Und da wollte die TU-Alumna hin. Eine bestimmte Arbeit hatte sie nicht im Sinne, aber sie dachte: „Für irgendetwas werden die mich sicher brauchen können.“ In der Tat wurde sie sofort zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und bei diesem Termin saß auch ein Tunnelbauer mit am Tisch. Für den Bau des 4,8 Kilometer langen Steinbühltunnels zwischen Stuttgart und Ulm setzte sie dann erstmals als Projektingenieurin den Baustellenhelm auf. Das war vor sieben Jahren. Heute gehört sie zum zehnköpfigen Team, das den über drei Kilometer langen Tunnel vom künftigen Tiefbahnhof Stuttgart zum Neckarportal Richtung Bad Cannstatt betreut.

Aus der Berufsanfängerin ist längst eine routinierte Projektbetreuerin geworden. Anfangs, sagt sie, war der raue Ton in der männerdominierten Bauwelt eine Umstellung. Als Frau sei sie aufgefallen, aber Steine habe ihr niemand in den Weg gelegt. „Das Team hat mir den Berufseinstieg erleichtert.“ Gerade der Tunnelbau war immer sehr traditionell. Früher galten Frauen im Tunnel sogar als Unglücksbringer, erzählt Langer. Heute gibt es jedoch auch hier einen Generationenwechsel. Die Mannschaften werden jünger, weiblicher und digitaler.

Studium sehr projektbezogen

Die Ingenieurin wacht im Team auf der Seite der Auftraggeberin über den Fortgang der Bauarbeiten. Das Projektmanagement kontrolliert, ob die Verträge eingehalten werden, ob es Änderungen beim Material gibt, Qualität, Termine und Kosten stimmen. Als Geologin hat sie beispielsweise beim Tunnelbau ein Auge auf das Gestein, auf Umweltaspekte und Wasserverträglichkeit.

Hat ihr das Studium genug Rüstzeug für die Arbeit auf der Baustelle mitgegeben? „Vorlesungen zum Thema Projektmanagement gab es damals keine, aber im Studium haben wir schon sehr projektbezogen gearbeitet“, sagt Larissa Langer. Die Herangehensweise habe sie dort gelernt. Ihre Masterarbeit in Angewandten Geowissenschaften schrieb die 31-Jährige über neuartige Brunnenfilter für geothermische Anlagen. Dabei sammelte sie bereits Erfahrungen auf einer Baustelle. Auch die Verbindung zur Deutschen Bahn gibt es an der TU schon seit vielen Jahren – seit 2009 verbindet die Partner eine Innovationsallianz.

Naturwissenschaften haben Larissa Langer schon in der Schule zugesagt. An der Geologie gefällt ihr, „dass man sehr schnell praktisch arbeitet, raus ins Gelände gehen konnte“. Ihren Bachelor machte die gebürtige Aachenerin an der Universität in Erlangen, 2010 wechselte sie dann an die TU Darmstadt. Der Masterstudiengang Angewandte Geowissenschaften war damals ganz neu. „Wir waren der erste Jahrgang.“ Bestehend aus nur sieben Studierenden, davon vier Frauen, die von anderen Universitäten nach Darmstadt gekommen waren. „Das war sehr individuell, intensiv und auch dynamisch. Und weil wir die ersten waren, waren wir manchmal auch ein bisschen Versuchskaninchen“, lacht sie.

Jovanka-Bontschits-Preisträgerin

Der Qualität tat das keinen Abbruch. 2013 wurde Larissa Langer mit dem Jovanka-Bontschits-Preis der TU ausgezeichnet, der jährlich an herausragende Absolventinnen des Fachbereichs 11 verliehen wird. Benannt ist der Preis nach der Tochter eines serbischen Justizministers, die im Juli 1913 an der Technischen Universität Darmstadt ihr Studium abschloss und damit als erste Frau in Deutschland den Titel eines Diplom-Ingenieurs trug.

Die Beziehung zur TU Darmstadt hat die 31-Jährige gehalten. Bis heute trifft sie sich regelmäßig mit ihren Kommilitonen/innen. „Mit einigen ist ein enger Kontakt geblieben.“ Sie ist ja auch dank der großen Plakate vielerorts präsent. Immer wieder treffen bei Larissa Langer Mails oder Nachrichten von Studienkollegen oder Freunden ein, die sie mal wieder mit Baustellenhelm irgendwo in Deutschland auf einer Werbetafel entdeckt haben.