Neue Ideen für humanitäre Hilfe

TU Darmstadt startet interdisziplinäre Studieneingangsprojekte 2013/14

11.11.2013 von

Wie organisiert man ein Flüchtlingscamp so, dass Versorgungsgüter gerecht verteilt, Epidemien frühzeitig eingedämmt werden und die Bewohner möglichst viele ihrer Rechte wie die auf Privatheit und freie Religionsausübung leben können? Dieser Aufgabe stellten sich rund 270 Studierende der TU Darmstadt in einem interdisziplinären Projekt.

Abschlusspräsentation: In der Finalrunde stellten sich die drei besten Gruppen der Jury. Bild: Patrick Bal

Eine Woche lang beschäftigten sich Studierende im Projekt „IBP2“ – die Abkürzung steht für die teilnehmenden Fächer Informatik, Biologie, Philosophie und Politikwissenschaft – in interdisziplinär zusammengesetzten Teams mit „Versorgung und Prävention mit technischer Unterstützung in Flüchtlingscamps“. In welchem weniger entwickelten, kriegs- oder krisengeschüttelten Teil der Welt das Camp liegen sollte, konnte jedes Team selbst bestimmen.

In der Abschlusspräsentation legte jede Gruppe ein Konzept für ein auf biometrischer Erfassung basierendes Computersystem vor, das humanitäre Helfer in Flüchtlingscamps unterstützen soll. Die Ergebnisse beeindruckten auch Experten. Frank Terhorst von der Katastrophenhilfe im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes, der während der Projektwoche als Experte in einer Telefonkonferenz zur Verfügung stand und als Juror angereist war, beobachtete eine „große Entwicklung“ der Teams während der gesamten Projektphase. „Am Anfang stand noch eine gewisse Naivität – am Ende haben wir hochprofessionelle Präsentationen gesehen.“ Die Teams hätten die Kernprobleme, die großen Zusammenhänge in Flüchtlingscamps, genau erfasst.

„Camp Mwembe“ bietet Zuflucht in Tansania

In einer Finalrunde stellten sich die drei besten Gruppen der Jury aus Lehrenden, Didaktikern und Experten für humanitäre Hilfe und ihren Mitstudierenden. Am Ende überzeugte ein Team, das ein Konzept für ein Flüchtlingscamp in Tansania entwickelte – 50.000 Menschen sollten nach einer Hungerkatastrophe im „Camp Mwembe“ Zuflucht finden, so das selbst gewählte Szenario.

Zur Erstregistrierung und den passenden medizinischen Schnelltests hatten sich die Teammitglieder ebenso Gedanken gemacht wie zu einer elektronischen Krankenakte, zur Abwasserentsorgung, zur Verteilung von Grundnahrung und spezieller Aufbaukost – und zu den Zukunftsperspektiven der Bewohner. „Diese Gruppe hatte als einzige eine positive Exit-Strategie entwickelt“, so Frank Terhorst. Der Plan des Teams sieht vor, am Ende den Flüchtlingen Saatgut für einen Neustart zu Hause auszuhändigen.

Frank Terhorst, Experte von der Katastrophenhilfe des Deutschen Roten Kreuzes. Bild: Patrick Bal
Frank Terhorst, Experte von der Katastrophenhilfe des Deutschen Roten Kreuzes. Bild: Patrick Bal

Mit ihren Überlegungen zum Einsatz biometrischer Merkmale und Datenschutz-sensibler Speicherung könnten die 270 Darmstädter Projektteilnehmer durchaus wichtige Hinweise für die Organisation „realer“ Flüchtlingscamps gegeben haben. „Die Registrierung der Campbewohner ist immer ein Problem“, sagt Terhorst.

„Die ganzen Möglichkeiten zur elektronischen Identifikation, die hier angesprochen wurden, wie etwa der Einsatz eines Iris-Scanners, könnten Erleichterung schaffen.“ Zwar müsse noch sorgsam abgewogen werden, ob diese Erfassung mit den Menschenrechten im Einklang sei, „aber rein technisch: eine tolle Innovation“.

In allen Studierendenteams schufen die Studierenden aus der Informatik das Konzept für eine technische Plattform. In die konkreten Funktionen, die dieses System dann den humanitären Helfern anbieten soll, flossen die Überlegungen der angehenden Fachleute aus den anderen Fächern ein. So behielten die Politikwissenschaftler die Partizipation und religiösen und bürgerlichen Rechte der Campbewohner im Blick, wie Sabrina Engelmann, Projektorganisatorin für das Fach Politikwissenschaft erläutert.

Die Biologen trugen Überlegungen zur biometrischen Registrierung und Identifizierung der Flüchtlinge, aber auch zur Krankheitsprävention bei. Hier galt es, im Austausch der Disziplinen ein möglichst optimales Ergebnis für die Versorgung der Campbewohner zu finden: „Biologen haben unter unter Umständen ein völlig anderes Verständnis von ,Krankheit‘ als Philosophen“, sagt Vera Bandmann, die mit Anne Einhäupl für den Fachbereich Biologie in der Projektorganisation mitarbeitete.

Was bedeutet gerecht?

Auch die in der Aufgabenstellung geforderte „gerechte“ Versorgung mit Nahrungsmitteln war nicht so einfach zu konzipieren, wie es auf den ersten Blick schien. Nach welchen Kriterien soll – computergestützt – das Essen verteilt werden? „Heißt ,gerecht‘, dass alle exakt die gleiche Menge bekommen, oder sollen auch Nachteile ausgeglichen werden?“ skizziert Kai Denker, der für das Fach Philosophie die Projektwoche mitorganisierte, eine Kernfrage.

Solche Diskussionen über die Fachgebiete hinweg zu bewältigen und dabei zu einem konstruktiven Ergebnis zu kommen, ist Teil des Lernziels der interdisziplinären Studieneingangsphase im Rahmen des KIVA-Projektes an der TU Darmstadt (siehe unten). Damit geht es auch um konkrete Vorbereitung auf das Berufsleben: „Informatiker müssen sich im Berufsleben meist schnell in ein sehr komplexes, fachfremdes Sachgebiet einarbeiten, für das sie dann etwas entwickeln sollen“, sagt Joscha Drechsler aus der Informatik, Verantwortlicher für die Gesamtorganisation des IBP2-Projekts. „Das kommt im Studium oft zu kurz.“

So wirklichkeitsnah die Kommunikations- und Planungsabläufe im Flüchtlingscamp-Projekt im Hinblick auf den späteren Berufsalltag sind, so nah am Leben waren auch die Ergebnisse der Projektwoche. In der humanitären Arbeit, bei der schnellen, effektiven Hilfe bei Katastrophen, spiele Interdisziplinarität eine große Rolle, sagt Terhorst. „Es geht immer darum, das tägliche Leben neu zu organisieren, und das betrifft nun mal viele Bereiche. Die Probleme, die die Helfer vor Ort beschäftigen, kann man nur lösen, wenn Experten verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten.“

Im Fall des IBP2-Projekts glückte die Zusammenarbeit der „hochengagierten Teams“, fasst Robin Kröger vom KIVA-Projekt zusammen, der gemeinsam mit Katharina Neumeyer von der Hochschuldidaktischen Arbeitsstelle die studentischen Begleiter der Projektgruppen ausbildete. „Es ist bemerkenswert, welche guten Ergebnisse auf die Beine zu stellen sind, wenn viele gute Köpfe zusammenkommen.“

KIVA-Studieneingangsprojekte

Mit ihren interdisziplinären „ingenieurberuf-typischen“ Projekten gleich in der Startphase des Studiums hat die TU Darmstadt vor Jahren bundesweit Maßstäbe gesetzt: Was vor Jahren im Bauingenieurwesen und Maschinenbau begann, inspiriert an der TU Darmstadt immer mehr Fachbereiche unter großem Einsatz von Professoren zu ähnlichen Projektwochen. Im Studienjahr 2013/14 laufen fünf Projekte mit rund 2.300 Studierenden in der Studieneingangsphase.

Sie erarbeiten in fächerübergreifend gemischten Gruppen Lösungskonzepte für komplexe, praxisnahe Aufgaben – intensiv betreut von Lehrkräften und versierten Fach- und Teambegleitern. Dabei geht es um innovative Lösungen, aber auch darum, teamorientiert zu arbeiten und soziale wie kommunikative Kompetenzen zu erwerben und zu erproben. Wie später im Berufsleben müssen die Studierenden Brücken zwischen Fächern mit oft ganz unterschiedlichen Anforderungen, Vokabular oder Arbeitsweisen schlagen. Erfahrungen aus den Vorjahren haben gezeigt: Die Freude an der Interdisziplinarität, die in den Studieneingangsprojekten geweckt wird, hält lange an und motiviert zu weiteren Studienerfolgen.

Im Projekt „Versorgung und Prävention mit technischer Unterstützung in Flüchtlingscamps“ haben etwa 270 Studierende aus Informatik, Biologie, Philosophie und Politikwissenschaft zusammengearbeitet.